 vergeblich nach einem sanften, frommen Abel unter
den Völkern, den nicht irgend ein Kain gehindert hätte, sich auszuleben. Wer
kann die materiellen Summen und die geistigen Reichtümer berechnen, welche für
die Menschheit ungehoben blieben, weil Kulturformen von der Erde verschwunden
sind, welche nicht nur trotz, sondern gerade wegen ihrer Eigenart für die
Allgemeinheit gewiss unermesslich viel geleistet hätten, wenn es ihnen erlaubt
worden wäre, sich bis zur Vollendung ihrer Aufgabe zu entwickeln!«
    Er machte jetzt wieder eine Pause, welche der Andere nicht schweigend
vorübergehen ließ, denn er sagte, und zwar in einem Ton, dem ich es anhörte, dass
er dabei lächelte:
    »Ihr Lieblingstema, lieber Professor! Aber mehr für zartfühlende Frauen als
für uns Männer, die wir mitten im rücksichtslosen Leben stehen, welches uns
zwingt, uns zu wehren, weil wir eben auch den Wunsch haben, uns ausleben zu
dürfen. Wenn Sie in dieser Weise sprechen, ist es mir, als ob ich Miss Mary,
Ihren Liebling, vor Ihnen sitzen sähe, um Ihrem Völkerevangelium gerade ebenso
zu lauschen, wie einst eine andere Mary zu den Füßen eines anderen und, wenn Sie
gestatten, größeren Meisters saß, um ihm zuzuhören.«
    »Ja. Fügen Sie aber auch hinzu, dass dieser Meister, Christus, zu der
Schwester dieser Mary sagte: Mary hat den besten Teil erwählt; der wird nicht
von ihr genommen werden! Mary Waller ist körperlich die Tochter ihres Vaters,
seelisch das Kind ihrer Mutter, geistig aber das meinige, und ich bin stolz
darauf, dass sie das ist. Wollen Sie mir entschlüpfen, indem Sie von ihr
sprechen?«
    »O nein. Sie wissen ja, dass auch ich zuweilen über solche Dinge nachdenke,
wenn ich dabei auch nicht zu denselben Schlüssen komme wie Sie. Für mich sind,
wie auch jeder einzelne Mensch, die Völker abgetan, sobald sie nichts mehr
leisten.«
    »Der einzelne Mensch auch?«
    »Ja«.
    »Darf Ihr Arbeiter schlafen?«
    »Welche Frage! Natürlich, ja!«
    »Aber er leistet doch nichts, während er schläft!«
    »Er wird, wenn er heut Abend schlafen geht, dann morgen um so mehr leisten,
je besser er geschlafen hat. Er holt sich vom Schlafe neue Kräfte.«
    »Well! Auch Völker schlafen. Ihr Schlaf währt freilich länger als nur eine
Nacht, und wer die Notwendigkeit dieses Schlafes nicht begreift, der kann leicht
versucht sein, ihn für den Tod und sie für abgetan zu halten. Aber diese
schlafenden Völker wachen wieder auf, wenn ihnen der Atem nicht genommen wird.
Sie haben während der Ruhe neue Kraft gesammelt, und wenn ihr Morgen kommt, dann
