, denn er hatte ja die Gruft noch gar nicht kennen gelernt. Er
gehörte als ein Rafflei zwar zu ihnen, aber er war noch nicht »gestorben«
gewesen; er zählte noch zu den »Lebenden«. Er stand von fern und schaute zu, mit
ehrerbietigem Staunen, mit seliger Verwunderung. Ihm war, als ob er träume. Aber
wohin sah er? Auf die jubelnden Seelen seiner Ahnen oder auf Ki, der die Kraft
des Lebens ist? Man konnte das nicht sagen, denn in seinen weit geöffneten Augen
fehlten noch die hellen Punkte, durch welche der Blick die Beseelung und
Richtung erhält, und Yin, die Meisterin, hob soeben, als wir eintraten, die Hand
mit dem Pinsel, um ihnen dieses Licht zu verleihen. Also das war die Arbeit,
wegen deren Vollendung sie abgehalten gewesen war, bei Tafel zu erscheinen!
    Wäre ich ein Künstler, so würde ich jetzt meine Feder so recht voll von
Tinte nehmen, um dieses unvergleichliche Kunstwerk unserer Yin mit den besten
Ausdrücken der Begeisterung zu beschreiben und sodann die Künstlerin auch selbst
dazu. Denn ich fühle es sehr deutlich, dass ich sogar die Pflicht habe, die
schöne Herrin von Rafflei-Kastle bis auf das kleinste Kräuselhärchen im Nacken
genau zu schildern. Aber ich bin leider kein Künstler und habe also zu
schweigen. Zu meiner Rechtfertigung möge dienen: Ich besitze nicht einmal den
nötigen Verstand, den Begriff »Kunst« definieren zu können, und bin auch weder
so weise noch so klug, mir zu sagen: Ja, das ist ja eben die Kunst, dass man
nichts von der Kunst versteht!
    Aber Eines will ich doch sagen: Wir waren alle still. Niemand sprach. Kein
Einziger fand einen hörbaren Ausdruck für das, was er empfand. Wie von derselben
Kraft ergriffen, welche diese Seelen aus der Gruft emporzog und durch den Saal
der Totenköpfe schnell hinaus in das helle Leben leitete, so ging ich von Figur
zu Figur, bis hin zur klarsten Seele an der Tür und dann noch weiter, in den
Garten, bis an den äußersten Rand desselben, wo eine starke Mauerbrüstung vor
dem Sturz in große Tiefe schützte. Da stehe ich - - ich, ich, der arme Teufel,
im hohen Marmorschlosse, bei Leuten, die ihre Ahnen alle aufgeschrieben hatten
und ihre Millionen nach Hunderten zählen konnten. Dazu die höchsten Gottesgaben,
die es auf Erden gibt: Talent und gar Genie! Und vor mir dieses schöne Land,
welches ich überblicken kann auf viele Meilen hin! Von diesem Schloss aus geht
Segen drüber hin, gespendet von so reichen, reichen Händen. Wer bin dagegen ich,
und was? Das kleine Deutschland gegen Grossbritannien, wie der Governor
wahrscheinlich sagen würde
