 uns nur Hongkong habe verleiden wollen, sehr bald
wieder auf, und im Laufe des Nachmittags beruhigte sich die See, so dass wir nach
der bewegen Nacht einen schönen, stillen Abend hatten. Als wir nach dem Souper
vom Tische aufstanden, gesellte sich Tsi zu mir und teilte mir mit, dass er noch
gestern abend Veranlassung gefunden habe, dem Kranken die zweite Strophe
vorzulesen. Mary hatte das, während sie in der Nacht bei ihm wachte, einigemal
wiederholt, und hierauf war Waller über den ganzen Tag hin damit beschäftigt
gewesen, immerfort unhörbar vor sich hinzusprechen und dazwischen hinein vor
sich hin zu lauschen, als ob er auf eine Antwort höre. Infolge dessen vermutete
der Chinese, dass für die kommende Nacht etwas Interessantes zu erwarten sei, und
er fragte mich, ob ich mit ihm wachen wolle. Ich war ganz selbstverständlich
sehr gern bereit, es zu tun. Tsi meinte, dass jetzt im Innern des Kranken eine
heiße Schlacht geschlagen werde, welche der bisherige Beherrscher, der
Hyperglaube, zu verlieren habe. Denn nichts sei so schwach als grad dieser
Überglaube, der Alles nur Gott, nichts aber der Arbeit an sich selbst verdanken
will.
    »Der gesunde Glaube macht stark,« fuhr er in seiner Rede fort; »der
Hyperglaube aber macht nicht stark und auch nicht schwach, weil das letztere
unnötig ist, denn er ist ein geradezu untrüglicher Beweis der vorhandenen
geistigen Schwäche. Diese Schwäche ist so groß, dass sie träumt, sie habe Gott in
allen Taschen und könne jede beliebige Quantität des Himmels an andere Menschen
verteilen, natürlich gegen großen Dank und bewundernde Verehrung seitens der
Empfänger! Denken Sie nicht, dass ich mich auf Besonderes beziehe; ich spreche im
Allgemeinen. Wir haben in China Bonzen, welche derartig mit ihrem eigenen Oele
gesalbt sind, dass man sie nicht fassen kann, obgleich man sie in ihrer ganzen
nackten Blöße sieht. Und meinen Sie auch nicht, dass ich mit dem Worte Bonzen
etwa nur Geistliche bezeichne. Priester Gottes müssen sein; die Menschheit kann
sie nimmermehr entbehren. Und je mehr sie in der Erkenntnis Gottes
fortschreitet, desto größer wird die Zahl und auch der Einfluss dieser Priester
werden. Heil und tausendmal Heil dem Volke, welches so viel wahre Gottespriester
besitzt, wie es fromme Väter hat! Aber der Hyperglaube macht sich meist im
Laienvolke breit und tritt grad dort am anspruchvollsten auf, weil der Laie
glaubt, wenn er nur selbst recht salbungsvoll zu sprechen und zu blicken wisse,
so könne er den Priester ganz entbehren. Das ist die Laienfrömmigkeit, die sich
über jedes Gotteshaus und Gotteswort erhaben dünkt und, wenn sie einmal guter
Laune ist, in den selig atmenden Busen greift, um dem Himmel ein möglichst
öffentliches Bakschisch anzubieten
