, der beglückenden Überzeugung abtrünnig zu werden, dass auch unsere
Abgeschiedenen nicht gestorben sind. Was Sie von ihrer Mutter sagen, das klingt
in meinem Herzen freudig wieder. Auch wir Chinesen haben Mütter, die in unserer
Liebe noch nach dem Tode weiterleben, und ein Volk, welches seine Mütter, seine
Väter, seine Ahnen nicht vergisst, wie der Europäer sie vergisst, der oft die
Vornamen des Großvaters seines Vaters oder seiner Mutter nicht mehr kennt, ein
solches Volk schlägt seine Wurzeln so tief in die Vergangenheit, aus der es
Kraft und Nahrung zieht, dass es um seine Zukunft nicht zu bangen braucht. Nur
der, welcher den geistigen Boden nicht kennt, auf dem wir leben, kann von der
Greisenhaftigkeit des gelben Mannes sprechen. Sie sehen, der Ruf, in dem wir
stehen, ist mir nicht unbekannt. Aber wer die Vergangenheit nicht achtet, der
hat für die Zukunft keinen Wert. Die Stammbäume auch Ihrer alten Geschlechter
sind nicht nur von genealogischer Bedeutung, sondern es steigt ein sich stets
verjüngendes Leben in ihren Zellen auf und nieder, und in ihrem Schatten können
sich alle Jene sammeln, welche ihren inneren Zusammenhang mit der Nation
verloren haben, weil sie ihre Zugehörigkeit zum Stamm nicht pflegten und nun nur
verwehte Blätter längst entlaubter Bäume sind, Völkerhumus, in welchem das
Gedächtnis so manches edlen Geistes und so mancher schönen Tat den
Erstickungstod gefunden hat. Eines solchen Todes haben wir Chinesen das Andenken
Derer, von denen wir stammen und deren geistige Hinterlassenschaft wir zu
pflegen und zu wahren haben, nicht sterben lassen. Wir sind uns des
Zusammenhanges mit ihnen bewusst; wir gedenken ihrer; wir feiern ihre
Erinnerungstage, und wenn dies von dem gewöhnlichen Manne, der für geistige
Opfer und Liebesgaben kein Verständnis hat, in mehr materieller Weise geschieht,
als es eigentlich im Sinne dieser Ehrung der Vorfahren liegt, so wird doch nur
Jemand, dem es an Einsicht fehlt, behaupten können, dass es sich um eine
abergläubische Verirrung oder gar um eine Abgötterei handele, durch welche
unsere Intelligenz sich bis auf unter Null herabgesunken zeige. Sie sind eine
Dame, Miss Waller, und halten das Andenken Ihrer Mutter heilig; ich bin ein Mann
und sage, wir bleiben dem Gedächtnisse unserer Väter treu. Ist das nicht ganz
dasselbe? Wollten Sie mich verurteilen, so müsste ich auch Ihnen Unrecht geben,
und ich denke doch, dass weder Sie noch ich eine Ursache haben, uns in dieser
Weise wehe zu tun!«
    Er hielt ihr seine Hand hin, und sie legte, froh über diese Vertraulichkeit
errötend, die ihrige hinein. Ich muss gestehen, dass der Chinese mich, so zu
sagen, gefangen genommen hatte. Nicht nur Alles, was er tat und was er
