 ebenso
sah ich zwei Zeiten, welche durch Jahrtausende getrennt zu sein scheinen, im
jetzigen Augenblicke zu einer wunderbaren, ergreifenden Vereinigung
zusammenfliessen. Die Gegenwart ist unsere Vergangenheit gewesen und wird auch
unsere Zukunft sein. Wer das begreift, der hat nicht nötig, das Innere der
Pyramiden zu durchforschen, und braucht auch nicht vor den Rätseln der Sphinx zu
bangen, deren Lösung er klar und deutlich in seinem Herzen trägt. Die Menschheit
gleicht der Zeit. Beide schreiten unaufhaltsam vorwärts, und wie keiner
einzelnen Stunde ein besonderer Vorzug gegeben worden ist, so kann auch kein
Mensch, kein Stand, kein Volk sich rühmen, von Gott mit irgend einer speziellen
Auszeichnung begnadet worden zu sein. Eine hervorragende Periode ist nur das
Produkt vorangegangener Zeiten, und es gibt in der Entwicklung des
Menschengeschlechtes keine Geistesrichtung oder Geistestat, welche aus sich
selbst heraus entstanden wäre und der Vergangenheit nicht Dank zu zollen hätte.
Die Weltgeschichte, welche wir ja das Weltgericht nennen, hat bisher noch jedes
Kapitel der Selbstüberhebung mit einem bestrafenden Schluss versehen und diesen
Akt der Gerechtigkeit zur Warnung für spätere Generationen in der ernsten,
eindringlichen Sprache der Ruinen aufbewahrt. Und diese sprechenden, ja
predigenden Ruinen haben uns die Lehre zu erteilen, dass, was im Oriente für uns
gestorben ist, im Abendlande für ihn wieder auferstehen soll.
    Das war ganz derselbe Gedanke, dem die Tochter des Amerikaners nur einen
andern Ausdruck gegeben hatte, als sie von dem schlafenden Prinzen sprach,
welchen eine abendländische Jungfrau aufzuwecken habe. Und wie einverstanden war
ich mit ihrer Frage: »Was bringe ich mit?« Wollen wir ehrlich sein, so müssen
wir zugestehen: Wer nach dem Morgenlande kommt, der will ihm nicht etwa dankbar
sein, sondern noch mehr, immer mehr von ihm haben, als er schon von ihm bekommen
hat. Der Osten hat gegeben, so lange und so viel er geben konnte. Wir haben uns
an ihm bereichert fort und fort; er ist der Vater, der für und an uns arm
geworden ist. Denken wir doch endlich nun an unsere Pflicht!
    Wir ahnen gar nicht, welche geistigen Summen wir ihm schuldig sind. Wir
werden sie ihm, und zwar mit Zinsen, zurückzahlen müssen, gleichviel, ob wir
wollen oder nicht. Die Vorsehung ist gerecht. Sie gibt Kredit, doch nicht für
ungezählte Generationen oder gar für Ewigkeiten, und wird weder die
Backschischgaben zudringlicher Touristenströme noch die Kurspapiere europäischer
Geldgeschäfte, am allerwenigsten aber die aus unseren sogenannten
Interessensphären erhofften materiellen Werte als gültige Zahlung anerkennen.
    Was haben wir dem Orient bis heute gebracht? Was für Schätze glauben wir
überhaupt ihm bringen zu können? »Ich bringe ihm meine Liebe, meine ganze,
ganze, volle Liebe,« hatte die Amerikanerin gesagt,
