 wichtiger, und so hatte es kommen
können, dass er einstweilen auf die Seite geschoben werden konnte; jetzt aber
machte er sich wieder geltend, und jenes unsichtbare Wesen stand hinter mir und
mahnte mich unaufhörlich, diese Lücke auszufüllen. Ich hatte diese Mahnung schon
gestern abend in mir gespürt, war während der Nacht einige Male von ihr
aufgeweckt worden, und während des heutigen Rittes hatte sie mich hin- und
zurückbegleitet, um mich nun daheim festzuhalten, damit ich daran gehen möge,
mich von ihr zu befreien oder, was wahrscheinlich richtiger ist, sie endlich
wieder freizugeben. Es handelte sich, wie gesagt, um nichts Großes, sondern nur
um das Gedicht »Tragt Euer Evangelium hinaus«, und wer nicht weiß, was im
Seelenleben ein unvollendeter Gedanke zu bedeuten hat, der wird es nicht
begreifen, dass man sich von so Etwas beunruhigen lassen kann. Wer aber gewöhnt
ist, seinen geistigen Himmel immer rein, klar und licht zu sehen, dem wird jeder
nur halb fertig gedachte Gedanke zu einer Wolke, welche ihn nicht nur direkt
stört, sondern auch auf alle seine anderen Gedanken ihren Schatten wirft. Wenn
wir von einem Lichte der innern Welt des Menschen sprechen, so meinen wir damit
jene Alles durchdringende und das Einzelne zum Ganzen fügende Logik, welche den
Geist von der Materie zu scheiden und ihn sich anzueignen hat. Diese Logik
duldet nichts Unfertiges, nichts Halbvollbrachtes, weil sie nur aus dem
Klargewordenen zu neuer Klarheit schreiten kann. Da gibt es nichts Unwichtiges,
nichts Nebensächliches, was man im Dunkel, ohne dass es schadet, liegen lassen
darf. Freilich, wer in der Weise nur für das Äußere lebt, dass er für diese
innere Welt keine Zeit und kein Verständnis hat, oder wer gar ein so grasser
Materialist ist, dass er nicht ansteht, eine unendlich reiche Schöpfung, die er
in sich trägt, zu leugnen, dem kann keine Wolke seinen Himmel stören, weil er
eben keinen Himmel hat.
    Es war mir, als ob dieses Gedicht ein notwendiger Teil meines Verhältnisses
zu Wallers sei, als ob ich es unbedingt vollenden müsse, wenn dieses Verhältnis
so, wie sein Anfang es versprochen hatte, sich ausgestalten sollte, und so nahm
ich mir vor, heute Nachmittag der fertigen ersten Strophe die noch fehlende
zweite hinzuzufügen. Aber ob es mir gelingen werde, das wusste ich freilich
nicht, denn ich verstehe unter »Dichten« nicht das, was tausend Andere damit
meinen.
    Aber, sonderbar, kaum hatte ich das Papier vor mich hingelegt, so war es
mir, als ob jenes »unsichtbare Wesen« mir die nötigen Worte zuflüstere. Ich
brauchte die erste Strophe gar nicht erst wieder zu zergliedern, um ihr die
zweite logisch folgen zu
