 gehört aber,
dass er aufhört, sich als den alleinigen Spender und uns als die alleinigen
Almosenempfänger zu betrachten. Wir wissen, dass wir nicht ärmer sind, als er.
Betrachtet er sich aber auch fernerhin als den reichen Mann und den Chinesen als
den armen Lazarus, so kann es kommen, dass dieses Gleichnis sich an ihm und uns
in der Weise zu Ende lebt, wie Christus es einst erzählte. Und selbst wenn es
ihm gelänge, aus dem von ihm gegen uns herbeigeführten Kampfe als Sieger
hervorzugehen, würden ihn die Folgen sehr bald über die uralte Wahrheit
belehren, dass die Seele eines in einem Eroberungskampfe siegenden Volkes niemals
die Siegerin, sondern stets und immer die Überwundene ist!«
    Er trat einige Schritte von mir zurück und bat, indem er sich tief
verneigte:
    »Verzeihen Sie mir, dass ich den Wunsch hatte, Ihnen zu sagen, was und wie
ein Chinese über diese Religions- und Rasseangelegenheiten denkt und spricht!
Grad Sie sollten die nackte, unverfälschte Meinung meines Volkes kennen lernen,
weil es mir ist, als ob uns nach der Landung und Trennung in Penang ein
Wiedersehen beschieden sei, und weil ich ahne, dass Ihr deutsches Volk uns
schneller und besser verstehen lernen werde als diejenigen Völker, deren Seelen
anders als die deutsche fühlen. Wenn ich Sie nicht zu Worte kommen ließ, so tat
ich das nicht aus Unhöflichkeit. Was Sie als Christ und Abendländer mir
entgegnen würden, das weiß ich ebenso genau, wie Sie es wissen, und wollte Ihnen
eine Rechtfertigung ersparen, welche zwar volltönend beginnt, aber schließlich
doch nur zur Entschuldigung wird. Der Kaukasier befindet sich in einem doppelten
Irrtum: er glaubt, uns zu kennen, und er denkt, dass wir ihn nicht kennen. Aber
China und die Chinesen sind ihm trotz der europäisch gefärbten Bücher, nach
denen er uns beurteilt, fast ebenso unbekannt geblieben, wie sie es waren, als
er sie zum ersten Male sah. Er hat die Eigenart des Geistes nicht begriffen, der
treu und schützend, wie der Drache alter Sagen, über unseren Ländern und
Gewässern schwebt. Da haben Sie die Bedeutung unseres Nationalsymboles! In Ihren
Augen eine Hässlichkeit, ist dieser Drache für uns ein Hüter tief vergrabener
Schätze, dessen wahre Gestalt, jetzt noch unter seltsamer Form verborgen, sich
nur dem Auge desjenigen Fremden zeigen wird, welcher nicht kommt, diese Schätze
für sich allein zu stehlen, sondern sie mit liebe- und verständnisvoller Hand
zum Segen Aller an das Tageslicht zu ziehen. Dann, aber auch erst dann wird man
beginnen, China kennen zu lernen. Uns aber ist Ihr Westen längst kein Rätsel
mehr. Wir haben Augen hingesandt, unerbittlich scharf und unbefangen blickende
Augen, und diesen Augen ist
