 zwar Christ, wenn man
seine Eigenart gelten lässt, aber niemals Europäer werden könne. Sie handelten
danach, wurden von unserm Kaiser hoch geehrt und konnten über die Früchte ihrer
Arbeit glücklich heimberichten. Da aber verbot man ihnen diese Rücksichtnahme,
und die Früchte blieben liegen und verfaulten. Meint man etwa, die bald hier und
bald da emporlodernde Empörung gegen die Missionare richte sich gegen ihren
Glauben? O nein! Selbst der ungebildetste Chinese hat wenigstens den einen
Vorzug, in Beziehung auf die Religion tolerant zu sein. Diese Ausbrüche des
angesammelten Zornes werden vielmehr durch die Art und Weise hervorgerufen, in
der man diesen Glauben hoch über den unsern stellt und mit rücksichtslosen
Sohlen unsere heiligsten Sitten und Gefühle niedertritt. Ich behauptete: und
wenn zehntausend Missionare so lange lebten, dass sie zehntausend Jahre lang ihre
Religion bei uns verkünden könnten, so würde doch keiner von ihnen mehr
erreichen, als was der einzelne bisher erreicht hat, wenn sie nicht ihr jetziges
Verhalten ändern und uns als Menschen gelten lassen, die ihre eigenartige
Entwicklung und also auch ihre eigene Art, zu denken und zu fühlen haben. Ich
gebe zu: es ist keineswegs ausgeschlossen, dass der Chinese ein Christ wird, aber
er wird es nur dann, wenn er dabei Chinese bleiben kann!«
    Er hob bei diesen Worten die Hand wie zum Schwur empor. Ich hörte ihm an,
wie ernst ihm Alles, was er sagte, war. Zeit zu einem Einwurfe oder einer
Bemerkung fand ich nicht; er wartete nicht darauf, sondern sprach weiter:
    »Und nun die Rassenfrage, die ich eigentlich schon damit erledigt habe, dass
ich sagte, der Chinese will Chinese bleiben. Ein gelehrter Christ, den man
geistreich nennt, hat kürzlich China besucht und ein Buch über uns geschrieben.
In diesem steht zu lesen: Ein Dichter oder Künstler soll auf dem Höhenpunkte
seines Schaffens sterben. Tut er das nicht, so geht es mit ihm bergab, und der
Schatten seiner späteren Jahre verdunkelt seine Werke. So steht es auch mit den
Nationen, und der Chinese hat vergessen, zu sterben, als die geeignete Zeit dazu
gekommen war! Das mag für europäische Ohren geistreich klingen; es ist aber das
grundfalsche Urteil eines Mannes, welcher glaubt, uns in zwei Worten ebenso
abtun zu können, wie er in zwei Monaten das Studium unsers Landes und Volks
vollständig abgetan zu haben glaubt. Wenn sich der Dichter überanstrengt hat, so
soll er nicht sterben, sondern tüchtig essen und dann so lange wie möglich
schlafen, um neue Kraft zu gewinnen. Tut er das, so wird er nach seinem Erwachen
im neuen Vollgefühle seiner selbst frisch weiterschaffen können. Der Chinese ist
so klug gewesen, nicht zu sterben, sondern sich schlafen zu
