 Nacht. Was mich betrifft, so ergingen sich diese
Herren in unzähligen Sticheleien und legten mir alles Mögliche in den Weg; ich
achtete aber nicht darauf.
    Unser Dampfer brauchte fünf Tage, um von Kolombo nach Penang zu kommen.
Sonnabend waren wir abgefahren; Donnerstag kamen wir an. In der letzten Nacht
ging ich nicht schlafen, sondern blieb an Deck und schrieb. Der Kapitän hatte
meinetwegen den Befehl gegeben, das Licht nicht auszudrehen. Er war ein großer
Vogelfreund und hatte neben seiner Kajüte eine Anzahl heimischer Vögel in
hübschen Käfigen untergebracht. So oft es seine Pflicht erlaubte, ließ er sich
einen Tisch zu diesen Käfigen stellen, um unter seinen Lieblingen zu sitzen und
sich mit ihnen zu beschäftigen. Auch ich liebe die geflügelte Welt. Er bemerkte
das sehr schnell, und so kam es, dass er bald nicht mehr allein am Tische saß.
Daher auch die Gefälligkeit, mich während der letzten Nacht mit Licht zum
Schreiben zu versehen.
    Es war eine wunderschöne, südliche Meeresnacht. Man muss so Etwas erlebt
haben. Beschreiben kann man es nicht. Und wenn man es könnte, so hätte es doch
keinen Zweck, weil eine Beschreibung nie so wirken kann, wie das, was man
beschreibt. Der südliche Himmel hat weniger sichtbare Sterne als der nördliche,
aber sie scheinen größer und darum der Erde und mit ihr dem Menschen näher zu
sein; die See erstrahlt in hellerem astralischen Glanze, und die Rätsel der
Nacht, die man daheim nicht lösen konnte, treten hier viel deutlicher mit der
Bitte an den Menschen heran, gelöst zu werden. Aber all sein stolzes Wissen und
all sein scharfes Denken ist diesen Geheimnissen gegenüber ein Nichts; er kann
nur ahnen und hoffen, und wenn der Engel des Glaubens zu ihm tritt und ihm
zuflüstert, dass dieses Ahnen zur Wahrheit und dieses Hoffen sich erfüllen werde,
so soll diese Stimme ihm ebenso heilig sein, als ob Gott selbst zu ihm
gesprochen hätte.
    Es war schon nach Mitternacht, als ich ein Räuspern hinter mir hörte. Ich
schaute mich um und sah Fang, welcher leise die nach den Kabinen führende Treppe
heraufgekommen war. Er verbeugte sich und wartete dann, ob ich ihn anreden
werde. Ich grüßte ihn in englischer Sprache. Er verbeugte sich noch einmal und
antwortete:
    »Dass Sie diese Sprache wählen, ist für mich ein Fingerzeig. Stört es Sie,
wenn ich hier oben bin und mir Bewegung mache?«
    »Nein.«
    Er verneigte sich zum dritten Male und wendete sich ab, um leise auf dem
Decke hin und her zu spazieren. Das tat er wohl eine Stunde lang, dann schien er
wieder hinuntergehen zu wollen. Er musste an mir vorüber und tat das mit so
zögerndem Schritte
