 Jungen zu sich ziehen
wollten; aber wo keine Zucht ist, da gewinnen die Schlechten und Liederlichen
die Oberhand, auch wenn sie in der Minderzahl sind, und ungezogene Jugend geht
lieber zu der übelen Seite, wo geprahlt und geschmeichelt wird, wie zu ruhigen
und sittsamen Menschen und bescheidenen und strengen Worten; denn nicht das
Laster ist verführend, das ja meistens mehr mit Unbehagen und Schmerz verbunden
ist wie mit Freude und Wollust, sondern die lasterhafte Gesellschaft verführt
durch freche und unbotmässige Reden, übertreibende und lügnerische Erzählungen
und falsche Scham.
    Viele Leute sehen auf ein Haus wie des Grafen; und kaum eine geringe
Kleinigkeit kann in ihm geschehen, die nicht in einem großen Kreise besprochen
würde und weite Wirkung ausübte; das Wesen der Vornehmen wird genau erkannt und
beurteilt, und mancher Taglöhner wusste von Art und Schlag des Grafen, seiner
Gemahlin und seiner Söhne mehr wie er selbst. In unserer Zeit ist die
Gesellschaft bis in ihre letzten Tiefen aufgerüttelt, und alle alten Bande sind
gesprengt, die bewirken, dass es ein Unten und Oben gibt. Manche Menschen meinen,
dass dieser Zustände Ende eine völlige Gleichheit aller Menschen sein werde; wer
aber genau zusieht, der wird merken, dass diese allgemeine Ungebundenheit im
Gegenteil eine neue und tiefere Scheidung der Gesellschaft bewirkt, indem die
Tüchtigen sich zu den Tüchtigen scharen und die Schlechten zu den Schlechten;
viele sinken so und viele steigen; viele der Gestiegenen sinken wieder, denn sie
können sich nicht oben halten; manche aber bleiben oben, und auch einer
gesunkenen Familie gelingt es wieder, zu steigen, wenn sie sich doch als tüchtig
erweist. In solchem Vorgang übt der Anblick einer Familie wie des Grafen eine
außerordentliche Wirkung, denn die Schlechten werden bestärkt im Leichtsinn oder
in aufrührerischer Gesinnung, die Guten aber werden desto trotziger und stolzer;
und bei beiden wird der Freiheitsinn gemehrt, bei den einen der Sinn für die
Freiheit der Zuchtlosigkeit, die sie und ihre Kinder in das wohlverdiente und
notwendige Verderben treibt; bei den andern der Sinn für die Freiheit der Zucht
und Ehre, die sie tüchtig machen, sich zuoberst zu setzen in die verlassenen
Stühle; denn nachdem sie gelernt, in Ehre zu gehorchen, vermögen sie auch in
Ehre zu befehlen.
    Der Förster hatte seinen Abscheu vor der Wirtschaft auf dem Schloss immer
mehr vertieft. Zwar durfte er seinem Herrn nichts sagen von seiner Meinung; aber
wenn die beiden zusammenkamen, so äußerte sich in ihrem Wesen dennoch deutlich
ihre wahre Beziehung, die seelische, die wichtiger ist wie die äußerliche der
zufälligen Verhältnisse. Der Förster war ehrerbietig, aber wortkarg, und schritt
als ein großer, magerer Mann in weiter und fester Gangart, der Graf, der klein
und durch sein fröhliches Leben fett war,
