 einer auftauchenden Begier nach und machen uns vielleicht verwundern
durch die Schärfe ihrer Sinne und die merkwürdige Kenntnis der Regungen in
andern Menschen, wie durch die Fähigkeit, diese Kenntnis zu ihrem Nutzen zu
verwenden.
    Hans war dem geheimnisvollen Zwange der Natur unterlegen, welche die
ehrbaren und braven Menschen treibt, dass sie sich an solche unehrlichen und
schlechten hängen müssen, und scheint in der frühen Jugend, wo die Liebe noch
ganz geistiger Art und dunkle Sehnsucht der Seele ist, dieser Zwang noch ärger
zu sein wie im späteren Alter der zwanziger Jahre. Deshalb muss man wohl sagen,
dass Liebe etwas Furchtbares und Grausiges ist, und der Mensch ist glücklich zu
preisen, den das Geschick davor behütet, in ihre Tiefen zu sehen. Aber bei
Hansen war das nicht ein Sehen oder ein Verstehen, sondern ein ganz tiefes,
heftiges Gefühl, das stärker war wie alle klare Äußerung des Geistes; und so
tief in ihm war der Kampf vor sich gegangen, dass ihm nichts davon in sein
Bewusstsein kam und er vielmehr erstaunte, dass seine Meinungen, Gedanken, Träume
und Liebe so plötzlich umgeschlagen hatten. Aber mit einem Male überfiel ihn nun
das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit in der Welt. Das war den Sonntag vor
seiner Einsegnung.
    Da wurde ihm zum ersten Male klar, dass wir zwischen den Menschen wandeln wie
zwischen den wesenlosen Larven, welche die Wüste erfüllen; sie weichen zurück,
wenn wir auf sie zugehen, und wenn wir ihre Hände drücken wollen, so fühlen wir
bloße Luft, und ist nichts in der großen Wüste lebendig, denn wir allein.
    Es geschah aber in einem Wäldchen, weil er sich sammeln wollte und ohne
Reden der Menschen sein, dass ihm diese Klarheit kam, und geschah, wie er eine
Ameise betrachtete auf dem Wege, die sich abmühte um etwas, das für ihn selbst
ein Nichts war. Da dachte er an sein Losungsbüchlein, welche Losung ihm das
geben müsse für diesen Tag; und siehe, da stand geschrieben: »Ich wache und bin
wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.« Über diese Worte kamen ihm die Tränen und
stürzten in großen Mengen aus seinen Augen, und faltete die Hände, und wiewohl
er keine Worte zu sagen wusste oder denken konnte, so betete er doch, und im
Bitten schon hatte er noch Tröstung, Sicherheit und Ruhe.
    Zwar bereits auf dem Heimwege kamen ihm wieder die alten Gedanken, dass es
doch keinen Gott gebe, und dass deshalb solche Erfahrungen, wie er eben gemacht,
ein Selbstbetrug seien; aber da half ihm wieder ein Buch, nämlich er hatte
Doktor Martin Luthers Tischreden zu Hause liegen, die ihm der gute Pastor
geliehen, in einer schönen, alten Folioausgabe, unbekümmert um die
