 er das entfernteste mögliche Ende des Lebens
erreicht und bis zum Schluss immer lernt; damals wusste ich naturgemäß noch
weniger; ich hatte nur ganz dunkle Ahnungen.
    Daraus ergibt sich, dass die Darstellung einer zersetzten Gesellschaft eine
dichterische Aufgabe ist, welche nie völlig gelöst werden kann. Mir war das
damals schon klar. Ich half mir, indem ich aus dem mir wichtig erscheinenden
Teile der Gesellschaft Schicksale und Gestalten bildete, die ich nebeneinander
stellte. Der Roman meines Helden wurde dadurch zu einer äußerlichen Verbindung
dieser verschiedenen, eigentlich in sich abgeschlossenen Stücke. Auch heute
könnte ich das noch nicht anders machen. So viel ist jedenfalls wohl Allen klar:
dass die Ursache der allgemeinen Zersetzung zunächst darin liegt, dass die
Menschen weder Zwecke für ihr Leben mehr sehen, noch Menschen über sich haben,
welche, wenn diese Zwecke nicht da sind, ihnen befehlen, was sie tun sollen, und
dadurch die selbstgefühlten Zwecke ersetzen. Das äußert sich dann in den
verschiedenen Lebenskreisen je nach den Anforderungen, die da gestellt werden:
in der Ehe etwa ist nicht mehr der Zweck, dass sich die Gatten gegenseitig zu
Gott führen und ihre Kinder erziehen, oder in der Dichtung nicht mehr, dass die
Hörer eine höhere Welt dargestellt erhalten, nach welcher sie sich bilden
können, indem sie tiefe Erschütterungen durchmachen; sondern in der Ehe leben
die Menschen nebeneinander hin als gute Kameraden im besten Fall, und in der
Dichtung stellen sie dar, was ihrer zufälligen Begabung und Anregung angemessen
ist, das sogenannte l'art pour l'art im besten Fall.
    Wie immer in Zeiten der Auflösung bieten sich die sozialistischen und
kommunistischen Illusionen als Hilfe an.
    Man muss unterscheiden zwischen diesen Illusionen als allgemeiner Sehnsucht
der Menschen nach einem Zustand, in dem sie wieder Zwecke haben, und der
heutigen Formung dieser Sehnsucht in den mehr oder weniger durch Marx bestimmten
Gedankengängen. Für den Dichter ist nur das erste wichtig, die marxistischen
Gedanken haben für ihn nur soviel Bedeutung, als er sie zur Darstellung des
Einzelnen verwendet. In dem Roman steht nun der zersetzten Gesellschaft diese
Illusion mit ihren Vertretern gegenüber.
    Diese Vertreter sind, soweit sie nur die Illusion haben, gute und brave
Menschen, welche aber tatsächlich nicht eine neue Form besitzen, sondern nur die
Erwartung einer solchen; welche, wenn diese neue Form sich verwirklichen sollte,
als die ersten tief enttäuscht würden; wie mir ein solcher Mann, der ein Führer
der Partei war, nach der Revolution schrieb: »Das ist nicht die
Sozialdemokratie, für die ich mein Leben lang gekämpft habe.« Und soweit sie
nicht durch die Illusion gelockt werden, sind diese Vertreter genau solche
Ergebnisse der gesellschaftlichen Auflösung wie die andern, ja, sie sind noch
schlimmer, weil ihnen
