 falscher Vornehmheit
belächelt von der Bourgeoisie wie vom Proletariat. Wie jede Klasse die ihr
notwendig anhängenden Schwächen hat, so hat sie natürlich auch das
Kleinbürgertum. Für den freien Menschen gibt es selbstverständlich nur die
Einzelpersönlichkeit, die denn keiner Klasse und keinem Stand angehört, und
jeder Mensch, der zu einer richtigen Klasse gehört, hat die Schwächen dieser
Klasse. Am leichtesten kann wohl einer aus der Aristokratie zu Freiheit
gelangen, zu der Freiheit, welche der Held meines Romans haben musste. Aber was
man so ehrlich Aristokratie nennen kann, das hat es nun einmal in unserm
Deutschland seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben, und ich für meinen Teil
finde, dass das Kleinbürgertum bei uns sehr viel von den Leistungen übernommen
hat, die eigentlich der Aristokratie zufielen; und ich kann nicht finden, dass da
die Bourgeoisie, geschweige denn das Proletariat, seine Erbschaft angetreten
haben. Ich bin in meinem Leben mit Menschen aus allen Klassen und Ständen in so
nahe Berührung gekommen, dass ich ihre Verhältnisse dichterisch darstellen
könnte. Aber noch heute, wenn ich einen Helden wie Hans brauchte, würde ich ihn
mir aus dem alten Kleinbürgertum herausholen. Das gesellschaftliche Ideal der
Klasse war die Rechtschaffenheit: in der Rechtschaffenheit sind viele sittliche
Forderungen enthalten, die sich sonst nur in dem Ideal der Vornehmheit finden;
und das deutsche Ideal der Vornehmheit war durchaus kleinbürgerlicher Art, es
hatte mehr von der kleinbürgerlichen deutschen Rechtschaffenheit als etwa von
den Vorstellungen von Gentleman und Kavalier der westlichen Völker, die man
sonst geneigt ist, unserem »vornehmen Mann« gleichzusetzen.
    Ein Dichter nimmt Gefühl, Vorstellungen und Gedanken aus seinem Volk,
gestaltet sie, und gibt sie so seinem Volk zurück. Ich glaube, dass es mir
gelungen ist, den rechtschaffenen Kreis des ersten Buches aus meinem Volk zu
nehmen und ihn auch wiederzugeben. Die Formen ändern sich, in welchen ein Volk
lebt. Das alte Kleinbürgertum ist heute fast verschwunden. Aber Ehrfurcht,
Treue, Gewissenhaftigkeit, Fleiß, Aufopferung, Glaube, Unterordnung unter das
Höhere - alle Tugenden sind ewige Forderungen an uns, die wir in den wechselnden
Formen des geschichtlichen Lebens immer neu erfüllen müssen. Wenn ein Bild
dichterisch geglückt ist, dann muss es bei den veränderten Verhältnissen der
Menschen auch so wirken, dass es zu den Tugenden führt, die es darstellt.
    Als ich den Roman schrieb, war ich fünfunddreissig Jahre alt. Ich stand
damals noch in den Anfängen einer geistigen Entwicklung, die ich auch heute noch
nicht abgeschlossen habe; aber ich sehe heute doch mehr, als ich damals sah.
    Die heutige Auflösung der Menschheit muss man verstehen als ein Abwenden von
Gott. Aber was Gott ist, das kann ich auch heute noch nicht sagen, das wird kein
Mensch sagen können, auch wenn
