
den Zusammenbruch der bürgerlichen Welt und die Sehnsucht, zu einer neuen
Lebensform der Menschheit zu gelangen, in welcher ich selber eine solche Stelle
fand, dass ich mein Leben vor Gott rechtfertigen konnte.
    Den Zusammenbruch wollte ich darstellen, indem ich für die mir wesentlich
scheinenden Teile der bürgerlichen Welt Charaktere und Schicksale erfand; diese
mussten aufgereiht werden an einem Faden, welchen das Leben meines Helden gab.
Wesen und Schicksal dieses Helden musste für diese Aufgabe geeignet sein.
    Da stellte sich denn die deutsche Form des Bildungsromans als angemessen
dar. Schon den Simplizissimus kann man als solchen bezeichnen. Es ist wohl
verständlich, dass gerade die Deutschen auf diese Form kommen mussten; bei ihnen
wird dem ringenden Einzelnen die Bildung schwerer wie bei jedem andern Volk:
nicht nur, dass die Bildung des Deutschen, weil sie immer persönliches Erleben
ist, nicht gesellschaftliche Übereinkunft, unter allen Umständen mehr Arbeit
erfordert; sondern auch, weil wir in unserer geschichtlichen Entwicklung immer
von Aufbau zu Zusammenbruch, von Zusammenbruch zu Aufbau gegangen sind und kaum
je einmal eine längere Zeit ungestörter Ruhe gehabt haben; und so fast immer die
Bildung des Einzelnen gleichzeitig eine schöpferische Mitarbeit an dem Werk der
Allgemeinheit sein musste.
    Um die Auflösung der Gesellschaft an der Geschichte meines Helden ganz klar
darstellen zu können, musste ich ihn selber zwar passiv gestalten, wie ja der
Held der Erziehungsromane notwendig sein muss; aber doch als natürlich gegenüber
der Unnatur, gesund gegenüber deren Verfall, wahr gegenüber der Zersetzung. Ich
suchte mir eine Umgebung, aus der ich einen solchen Charakter heraus entwickeln
konnte, und fand das einsame Forstaus im Wald, die kleinbürgerlich deutsche
Familie der alten Art, die noch unberührt von der Zersetzung war, ihre
Verbindung mit der noch schlichteren Vergangenheit durch die Großmutter. So
ergab sich das erste Buch: die Jugendgeschichte des Helden. Es müssen in sie
hinein natürlich schon die ersten Fäden der späteren Unruhe reichen, damit das
zweite Buch nicht ganz unvorbereitet als eine völlig andere Welt kommt; denn der
Held muss ja doch mit dieser eine organische Verbindung haben; dadurch ergab sich
vor allem die Jugendfreundschaft mit Karl.
    Dass man den Roman für eine Selbstbiographie hält, beweist, dass mir die
Darstellung dieser rein ausgedachten Welt geglückt ist, dass sie als Natur wirkt,
wie sie sollte. Ich selber stamme zwar auch aus dem Volk wie der Held meines
Romans, aber bin in der Stadt aufgewachsen, allerdings in einer Kleinstadt von
nur neuntausend Einwohnern, als Sohn eines Steigers, eines Beamten am Bergwerk,
der gesellschaftlich etwa dem Förster entsprechen mag.
    Wenn auch das Erzählte erfunden ist, so ist natürlich doch immer das Gefühl,
das hinter ihm steht, selbst erlebt. Das mag den Irrtum erklären.
    Das frühere deutsche Kleinbürgertum wird heute mit
