 sich, dass jede Zeit meinte,
sie habe in allem das Richtige gefunden; und vor Gottes Augen war das alles doch
nichts weiter wie die Reihenfolge der Schwalben, die ein Nest unterm Hausdache
beziehen; und wenn die Kinder dieses Geschlechtes klug waren, so taten sie
dasselbe, was jetzt Hans und Maria taten: arbeiten und sich liebhaben, ihre
Kinder erziehen und fröhlich sein.
    So waren ihre Gedanken, und die mochten wohl manchem von den andern
kleinbürgerlich erscheinen. Aber was wir wert sind, das sind wir ja nicht wert
durch unsre Gedanken, sondern dadurch, dass wir die Stelle auszufüllen vermögen,
in die wir gesetzt sind; denn wenn wir das können, so bekommen wir Verstand und
richtige Gedanken, und für die einen sind diese Gedanken richtig, für die andern
jene. Nur ist das eine Weisheit, von der die Leute unsrer Zeit nichts wissen
wollen, denn freilich ist sie nicht zu sehen, sondern wir müssen sie glauben.
Aber wissen wir dies nicht, dass wir ja gar nicht die wahre Welt sehen, sondern
nur einen trügerischen Schein?
    In der wahren Welt steht Gott als ein Bauersmann im blauen Kittel vor dem
Scheunentor und worfelt Weizen. Er nimmt eine Schaufel voll Weizen und
schleudert den in die Scheune. Da fliegen zusammen durch die Luft Korn und Spreu
und wissen nicht, wer sie in Bewegung gesetzt hat und wohin sie getrieben
werden; doch sie verspüren, dass eine Kraft in ihnen ist und dass dieselbe Sonne
sie blitzend bescheint und dass dieselbe Luft sie klar bestreicht. Da denkt die
Spreu hoffärtig: Siehe, wir sind wie diese da, und vielleicht sind wir auch
besser, denn uns scheint, wir fliegen höher, und die Körner denken demütig: Es
ist wohl so, dass wir alle gleich sind. Aber nur einen Augenblick verweilen sie
beide in der hellen Luft und unter der blitzenden Sonne; denn was Jahrhunderte
sind für uns und unsre Welt des Scheins, das ist ein Augenblick für Gott und für
seine wahre Welt. Dann senken sich die schweren Körner zu dem Weizenhaufen, auf
den sie fallen sollen, und die Spreu trägt der Zugwind vor dem Scheunentor auf
einen andern Haufen zu der früheren Spreu.
                                      Ende
 
                                   Nachwort1
Den Roman »Der schmale Weg zum Glück« habe ich vor nunmehr einem
Vierteljahrhundert geschrieben, im Jahre 1901. Verschiedentlich wurde
angenommen, er sei eine Art Selbstbiographie. Das ist er nicht. Er ist von
Anfang bis zu Ende bewusst aufgebaut, und die Gestalten sind nicht Abbilder von
Personen, die zufällig mein Leben gekreuzt haben, sondern sie sind aus der
Phantasie neu geschaffen nach dem Bedürfnis, das an ihren Stellen für sie war.
Der Plan zu meinem Bau aber war aus meinem Gesamterleben gekommen: ich erlebte
