, und wie er auch für sich so
nirgends einen rechten Weg sah, den er gehen konnte, so erschien ihm sein ganzes
Leben in trüber Zwecklosigkeit. Da bekam er unerwartet einen Brief von seinem
Lehrer, dass er ihn aufsuchen möge; denn wiewohl er dem durch sein Arbeiten
nähergetreten war, hatte er doch nicht gewagt, jetzt zu ihm zu gehen, weil er
sich schämte, wie denn Unglück argwöhnisch macht und die Menschen zu einem
unsinnigen Stolz verhärten kann. Hansens Lehrer war ein alter Mann mit
schneeweißen Haaren und blitzenden blauen Augen, den die Jahre nicht versteinert
hatten wie die einen, dass er bei seinen vormaligen Meinungen stehen geblieben
wäre, noch hatten sie ihn schwach gemacht wie die andern, dass er sich zu
Gesinnungslosigkeit entwickelt hätte, sondern als eine nicht auf das Handeln
angelegte Natur hatte er sich zu einer milden Skepsis entwickelt, die in
verständigem Zuschauen ihr Genüge fand, und die Wärme seines Herzens hob er für
die einzelnen Menschen auf, die ihm irgendwie nahetraten, wie unser Hans. So
begrüßte er den mit dem Troste, er wolle dafür sorgen, dass er an einer
schweizerischen Universität promoviere, und alsdann werde er auch eine Stelle
für ihn finden, wo er zuerst in untergeordneter gelehrter Arbeit tätig sein
könne und aber doch Zeit habe, eigenes zu leisten, wenn er es vermöge. Dann fuhr
er fort: »Ich meine, dass für jeden jungen Menschen, wenn er anders Kraft in sich
hat, eine Zeit kommen muss, wo ihm alle bestehenden Einrichtungen unsinnig
erscheinen; denn die haben ihren Grund ja nicht in den sittlichen Idealen,
sondern in der menschlichen Gebrechlichkeit. Ein junger Mann aber kennt nur die
sittlichen Ideale, weil er die in sich trägt; von der menschlichen
Gebrechlichkeit aber weiß er nichts, die lernt er erst durch das Leben kennen,
an sich wie an andern. So erneuert sich, um nur ein Beispiel zu nehmen, für jede
Generation immer wieder der Zweifel an der bestehenden Eheform, und wie der
junge Mensch an die Stelle der Ehe die Liebe setzen möchte, so soll auch in
allen andern Verhältnissen an den Platz des Rechtes die Sittlichkeit treten. Bei
tüchtigen Personen kommt mit der Zeit die Erfahrung, die ihnen die relative
Vernünftigkeit alles Bestehenden zeigt und sie bewegt, dass sie von ihrer
Schwärmerei ablassen und vielmehr das Bestehende durch Liebe und Geistigkeit
verklären, weil sie anders keinen Ausweg für ihren guten Willen haben;
untüchtige Personen aber lernen nicht durch die Erfahrung; und indem sie bei der
Schwärmerei verharren, werden sie am Ende aus ursprünglich guten und edelen
Menschen zu Narren und Verbrechern, denn weil sie darin beharren, das Gesetz für
unrechtmässig zu halten und allein ihrer Sittlichkeit folgen wollen, verwechseln
sie mit der Zeit die Sittlichkeit
