 Ton, den sie bis dahin nicht von ihm gehört.
    »Liebe Schwester, wir sind die letzten von einem alten Geschlecht, zu dem
viele Menschen durch Jahrhunderte aufgesehen haben. Nun gehe ich einen schweren
Weg, denn ich weiß nicht, ob ich bekommen werde, was ich suche; bekomme ich es
aber nicht, so muss ich sterben, denn wenigstens liegt mir das ob, zu achten, dass
unser Name nicht in Unehren erlischt. Du bleibst dann allein zurück, aber ich
habe um dich keine Sorgen, denn du wirst schon eine Stelle für dich finden in
der Welt; das sehe ich jetzt mit ruhigen Augen, denn seit mir offenkundig
geworden ist, vor welcher Entscheidung und Ernsthaftigkeit ich stehe, habe ich
plötzlich einen neuen Blick bekommen, Leben und Menschen zu betrachten, über die
ich vorher gar nicht nachgedacht. Ich weiß, dass mein Bruder meinte, unseres
verfehlten Lebens Ursache seien unsre Eltern, und ich selbst habe wohl dieser
Meinung beigepflichtet in Stunden, wo das Gewissen mich mahnen wollte; aber
dabei wusste ich doch immer im Herzen, dass ich nur eine schlechte Ausflucht
meiner Angst suchte, und im Innern wusste ich mit großer Furcht, meines
verfehlten Lebens Ursache sei ich selbst, denn ich gab mich hin an schlechte
Menschen und war gedankenlos und überlegte nicht meiner Schritte Folgen, und
alles, was ich tat, verstrickte mich immer mehr in das Netz, dessen Maschen mich
nun so eng umschnüren; und schon daraus, dass ich bisher immer mehr gefesselt
wurde, würde ich annehmen, wie auf die Stimme eines Dämons hörend, dass mein
Suchen vergeblich sein wird und meines Lebens Ende unabwendbar nahe ist. Nicht
wenig aber hat die heimliche Gewissensangst selber zu meiner Verstrickung
beigetragen, denn sie selbst machte blind, und gleicherweise das Streben, ihr zu
entgehen, indem ich sie mir leugnete, machte blind. Nun aber, in dieser Nacht
der Verzweiflung, habe ich ein neues Licht gesehen, und ich weiß nun, dass
niemand eine Schuld hat, nicht meine Eltern und nicht ich, sondern wir sind
getrieben durch eine Macht zu dem Ende, das sie gewollt hat, und ich glaube, dass
ihr Wille gut und nützlich ist. Denn wenn die Macht den Willen hat, dass einer
ins Licht kommen soll und sein Geschlecht in die Höhe führen, so ist der
pflichtlos und heiter, sorgt nicht und ringt nicht, und ohne sein Zutun wächst
er, wie der Baum wächst, hoch wird und breit, und seine Form ist ebenmässig; aber
wer ringt und wessen Gewissen kämpft und wer will und wessen Verstand ein Ziel
sieht, der ist ein Mensch, der zerfällt, denn er hat sein Band nicht mehr; und
was er auch tut,
