 darum, das auch in mir zu finden. Es ist wie Gebetsstimmung
in mir.
                                                                    9. September
Früh an der Akademie, um ein Modell zu suchen. Ich war schlecht angezogen - wie
immer, denn ich habe überhaupt fast nichts mehr anzuziehen - und wurde selbst
für ein Modell gehalten. Ein Maler wollte mich mitnehmen, ich hatte die größte
Lust, aber ich darf jetzt nur für meine Arbeit leben und keine Kindereien
treiben.
                                                                   14. September
In den Bergen gewesen, und da bekam ich Heimweh nach dem Meer, nach dem Freien,
Weiten. Die andern lachten mich aus, weil ich mir die Berge höher vorgestellt
hatte. Überhaupt bin ich fast immer enttäuscht, wenn ich etwas sehe, das ich mir
irgendwie vorgestellt habe. Es ist nie so überwältigend, wie ich es haben
wollte.
    Zu Hause Briefe von Reinhard vorgefunden. Er freut sich über meine jetzige
Lebenslust. - Es kommt mir fast wie Ironie vor - denn ich bin gar nicht lustig -
mir ist, als ob mein Leben in einer Krisis wäre, die vielleicht alles
verschlingt.
    Ich denke viel über Reinhard und über unser Verhältnis nach. Wie waren wir
glücklich zusammen diesen Sommer - ich war also doch einmal wirklich glücklich
und glaubte selbst daran. Aber mitten im Glück dachte ich wieder an einen
anderen - Leon -, es zuckt immer noch etwas in mir nach, wenn ich seine Karte
lese, und ich möchte ihn wiedersehen. Das war noch bei allen meinen Lieben so.
Vielleicht kann ich überhaupt nicht ganz und ungeteilt lieben - das habe ich mir
schon oft gesagt - oder wenigstens nicht einen allein. Wie oft haben Reinhard
und ich darüber gesprochen - er glaubt selbst, dass er sehr frei denkt - aber nur
da, wo es nicht unser Verhältnis zueinander angeht. Er ist im Grunde doch ein
moralischer Mensch und ich bin es nicht, das ist die ganze Geschichte. Hätte ich
ihm von Leon erzählt, so wäre alles zwischen uns aus gewesen.
    Gestern sprach ich mit der Dalwendt darüber - sie ist auch verlobt; aber
noch ganz unschuldig - aus Überzeugung, weil sie es so will. Bei mir ist es
immer nur, dass ich gezwungen bin oder mich zwingen lasse, nach dem Empfinden
eines andern zu handeln. Mir selbst gegenüber habe ich nie das Gefühl, etwas
einzubüssen - im Gegenteil, mich drückt oft nur meine Tugend nieder, dies ewige
Vorbeigehen am Leben, und manchmal verlangt mich danach, mich besinnungslos in
den Strudel zu stürzen.
                                                                   20. September
Heut haben wir den ganzen Abend in einer Schnapsschenke gezeichnet - eine
niedrige, verräucherte Gaststube, wo wahre Banditengestalten an langen Tischen
saßen, mit kleinen Schnapskelchen aus dickem gelben oder rotem Glas vor sich.
Die Strolche fühlten
