 haben wir als Kinder keine Lehrmeister, die uns lehren,
mit dem Leben eins zu werden, warum haben sie uns immer nur gesagt, dass es
Feindschaft und Kampf sein müsste, schwer und hart? Das ist es nur, solange wir
uns dagegen sträuben, taub und blind dahinrennen und nicht hören, was es uns
sagt. Und wenn wir das einmal dunkel ahnen wollen, dann schreit so viel dagegen
an, von außen her und von dem, was man jahrelang in uns hineingelogen hat, dass
wir uns immer wieder von dem wirren Lärm betäuben lassen.
    Ich glaubte so mutig zu sein, weil ich ein paar Sprünge gemacht hatte, die
nicht alle wagen -, aber wie elend verzagt bin ich dann oft dagesessen und habe
an der Lektion herumbuchstabiert, die das Leben mir zu lernen gab - wie töricht
hab' ich gemeint, sie hieße Entsagung, Enttäuschung oder noch alles mögliche
andere.
    Jetzt kommt es mir vor, als ob mit dem großen Rätsel, das sich in meinem
Körper vollendet, auch all die andern Rätsel sich lösten, als ob ich mit anderen
Augen sähe, mit anderen Sinnen fühlte, und endlich fange ich an, lesen zu
lernen.
    - - Ein kleines, enges Zimmer mit zwei Fenstern nach Süden - ohne Läden, die
man gegen die Hitze schließen könnte - mein alter, großer Tisch, der fast den
ganzen Raum ausfüllt - gegenüber Schieferdächer, auf denen die Sonne glüht - und
schreiben, den ganzen Tag von Morgen bis Abend. Aber jetzt sage ich nicht mehr:
Was führst du für ein Dasein? Ich würde kein anderes Schicksal mehr gegen meines
eintauschen, auch das vergangene nicht.
    - Wie ich mich all der Verzagteit schäme - wie konnte ich mich so vor
feindlichen Blicken fürchten?
    Einzelne von früheren Bekannten grüßen mich nicht mehr, andere beklagen
mich. Mehr oder minder bin ich in ihren Augen doch jetzt für immer bankerott -
entgleist - die Tore der »Gesellschaft« sind für immer hinter mir zugefallen.
    Und das Kind? - Ich weiß meine Verantwortung wohl - und ich bin froh, ihm
gerade dieses Schicksal bieten zu können - ich will es lehren, sein Schicksal zu
lieben, wie ich meines lieben gelernt habe.
    Zu Hause trage ich nur noch lange, weiße Kleider, die nach verwöhnter Ruhe
aussehen, und die träume ich mir dann manchmal dazu. Wie müsste das sein, jetzt
so leben zu können - in großen hellen Räumen mit vielen Blumen und festlichen
Dingen - frohe Menschen um mich her, die alles für mich täten, mich verwöhnten -
und dann nur daliegen und an das Kind denken.
    Wenn ich dann auffahre und mich besinne, laufen mir dicke Tropfen von der
Stirn, und die Hände wollen
