, dass der eine sich in dem andern zu erkennen habe. Der
Gesamtmensch ist jedem einzelnen derart eigen, dass nicht nur die körperlichen
und geistigen Gesichtszüge, sondern auch die Lebensführungen von Personen, die
uns bei oberflächlicher Betrachtung als sehr verschieden erscheinen, doch mit
absoluter Notwendigkeit große innerliche Aehnlichkeiten, ja oft sogar
Gleichheiten besitzen müssen, durch welche die Menschenkenntnis ganz unbedingt
zur Selbsterkenntnis werden müsste, wenn wir nicht die fatale Eigenheit besässen,
uns mehr nach bösen als nach guten Menschen umzuschauen und den Zusammenhang mit
der Menschheit nur in unser eigenes Belieben zu stellen. Wie sich der Kreislauf
des Blutes durch Millionen Körper auf ganz dieselbe Weise vollzieht, so pulsiert
in diesen Millionen auch der Geist durch gleiche Adern, und wenn diese letzteren
sichtbar vor unsern Augen lägen, so würden wir gar wohl bemerken, dass unter
tausend auf den Seciertisch gelegten Geistern es nicht einen einzigen gäbe, der
sich sowohl anatomisch als auch in Beziehung auf seinen Vitalismus und das, was
ich vorhin Lebensführung nannte, derart von den andern unterschiede, dass es dem
Professor nicht mehr möglich wäre, an ihm allein in aller Ausführlichkeit zu
demonstrieren, warum alle übrigen nun jetzt mit ihm das gleiche Schicksal haben.
    Wer hat jetzt noch Lust, dem kühnen oder vielleicht auch staarkranken
Sprachgebrauche zu folgen und Geister zu distinguieren? Während der eine Mensch
durch eine ebenso mühevolle wie langweilige Addition selbst bei einem
achtzigjährigen Leben nicht dazu kommt, die Summe zu erreichen, wird der andere
schon in seinem zwanzigsten Jahre durch eine schnelle Multiplikation zu dieser
Summe geführt. Aber jeder einzelne der treu und gewissenhaft zusammengestellten
Summanden des ersteren wiegt vor den Augen des höchsten und gerechtesten aller
Geister mehr als das ganze durch eine bequemere Rechnungsart vollständig mühelos
gefundene Produkt des letzteren. Der kleinste Geist kann groß trotz seiner
Kleinheit, der grösseste aber klein trotz seiner Größe sein. Unter den
Geisterlein und sonst noch spukenden Winzigkeiten, welche mich vorhin bei der
Lampe des Ustad belästigten, hat sich wahrscheinlich manche Längstvergessenheit
befunden, welche damals, als man sie ihm auszublasen begann, zu den
Geistesgrössen gerechnet wurde. Jetzt nun haben diese aus dem Leben geschwundenen
Größen in der »Gruft« des »hohen Hauses« traurige Wache zu halten, dass die Lampe
ja nicht wieder angebrannt werde!
    Es ist mir im Vorhergehenden nicht eingefallen, anzudeuten, dass ich nicht an
Geistesgrössen glaube. Sie waren da, sie sind da und sie werden immer vorhanden
sein; aber sie waren und sind es nur für die Menschen, doch nicht für den, der
alle Nieren prüft. Er sendet die Jahrhunderte, in deren Verlaufe sich ihre Größe
zu bewähren hat, und wenn sie vorüber sind, so waren sie wie ein Tag, der heut
vergangen ist. Für die nie versiechende Fülle der Ewigkeiten
