 gewesen sei. Ich hatte ihn so
oft, so oft gesehen, doch aber nie erkannt. Heut zeigte er mir endlich sein
Gesicht. Heut war er Ahriman, der geistige Weltzerstörer, der mit dem niederen
Sinn der blinden Masse kost, um alles ihm Verhasste zu vernichten.«
    »Wohl dir,« sagte ich. »Du hast den Richtigen gesehen!«
    »Meinst du es auch? Den Mirza mit dem falschen Prunkgeschmeide? Den Geist
der nachgemachten Edelsteine, mit deren Flimmern er der Menge imponiert? Den
wohlgesinnten Schmeicheldemokraten, in Wahrheit aber grasser Demagog? Den treuen
Förderer des öffentlichen Wohles, der aber nur sein eigenes erstrebt? Den immer
hilfsbereiten Volkserbarmer, der aber dieses seines Volkes Seele mit
egoistischer Berechnung niedertritt? Den anerkannten Feind und Richter jeder
Lüge, der aber doch, sobald sie ihm nur passt, grad vorzugsweise sie in seinem
Stalle züchtet? Ich hätte ihn schon längst erkennen sollen, und bitte dich,
Effendi, merk ihn dir!«
    Ich machte, ohne zu antworten, ganz unwillkürlich eine Handbewegung, welche
ihn zu der Frage veranlasste:
    »Wie meinst du das? Was wolltest du mit dieser Geste sagen? Ich glaubte
zwar, du habest ihn bei mir zum erstenmal gesehen, doch da du schon so oft im
Morgenlande warst, so ist es möglich, dass du ihm auch früher schon begegnet
bist.«
    »Im Morgenlande?« lachte ich. »Nein, nein! Doch kenne ich ihn auch; mehr
habe ich nicht zu sagen. Du hast ihn gut gezeichnet. Wenn man dich sprechen
hört, kann man sich gar nicht irren. Nun aber muss ich dich nach einem fragen: Du
hast ihm heut verziehen. Aus welchem Grunde wohl?«
    »Verziehen? Ich? Wieso?«
    »Du gabst ihm jenes Märchen aus Tausend und ein Tag, in welchem selbst der
Teufel selig wird. Woher nahmst du die Dichtung, dass die Hölle schon vor der
Menschheit auf zum Himmel steige?«
    »Verzeihung ist edler als Rache. Weißt du das nicht, Effendi?«
    »Ich weiß es. Aber der Verzeihung muss die Reue vorangehen. Das ist Gottes
Ordnung! Auch ich habe gefehlt, viel gefehlt. Als ich das erkannte, habe ich
bereut und habe gebüßt. Ich war nur ein Mensch, also zu entschuldigen. Ich
verzeihe gern, unendlich gern, weil auch mir verziehen wurde. Aber ich bin nicht
Gott, der seine Ordnung ändern kann. Soll ich allein bereuen, mein Schatten aber
nicht? Ich sage dir, ich hätte ihm ein ganz anderes Märchen erzählt, nicht aus
Tausend und einer Nacht und nicht aus Tausend und einem Tag, sondern jenen
wunderbaren Schluss aus Tausend und ein Narr,
