 es gar keine Furien gebe. Du siehst also, dass sie nicht bloß
mytologische Gestalten, sondern noch jetzt lebende Wesen sind! Schatten, die
unhörbar leise hinter meinem Rücken schleichen, um sogar die verborgensten
Bewegungen meines Lebens aufzufangen, damit man sie selbst trotz ihrer
Dunkelheit für reine, lichte Wesen halte! - Glaubst du, was ich dir da erzählte,
Effendi?«
    Er wartete meine Antwort gar nicht ab, sondern fuhr fort:
    »Du hast gelächelt, und jetzt lachst du gar! Und zwar so eigentümlich!
Warum? Du machst mich aufmerksam! Solltest vielleicht auch du - - du - - - du -
- - -? Doch nein! In deinem frommen Christenlande kann es ja niemals solche
Furien geben! Denn, würde eine entdeckt, so müsste sich die ganze Christenheit,
die volle Priesterschaft an ihrer Spitze, erheben, um entrüstet nachzuweisen,
dass ihre Liebes-, Gnaden- und Verzeihungsreligion unmöglich Eumeniden dulden
kann! Verzeihe mir! Verzeihe mir im Namen deiner Christenheit, dass mir auch nur
der Gedanke hieran kommen konnte! Ich sehe zu meinem Erstaunen, dass ich noch
Schatten werfe, sogar auf dein geliebtes Abendland hinüber!«
    »Beruhige dich!« bat ich ihn. »Der König des Schattenlandes, von welchem
dein Märchen erzählte, hat Untertanen überall. Auch bei uns! Doch, will ein
solcher Schatten einmal zur Furie werden, so behandeln wir ihn anders, als du
deine Eumeniden behandelt hast. Wir lassen ihn sein trauriges Werk vollenden.
Wir stören ihn nicht. Es ist ja doch wohl mehr als Strafe genug für ihn, dass er
es tut! Wir sagen ihm sogar noch Dank dafür, jedoch nur öffentlich, selbst wenn
er heimlich wirkt. Du siehst, wir haben sogar für die Furien nur Liebe und
Verstand! Wir Christen wissen nur zu gut: Es kommt die Zeit, in der die Schatten
schwinden. Was dann aus ihnen wird, das wissen wir zwar nicht, doch sagt das
heilige Buch: Ihre Werke folgen ihnen nach! Und ich, ich möchte dereinst mit
solchen Werken nichts zu tun haben. Ich habe mit den Menschen, selbst mit
solchen Furien, nachsichtig zu sein, weil ich wünsche, dass Gott dann, wenn es
sich um meine Abrechnung handelt, auch gnädig mit mir sein möge!«
    Da sagte er in plötzlich ganz anderem Tone:
    »Du sprichst von einem Wir. Etwa mit Überzeugung, Effendi? Spielen wir
Komödie miteinander? Denken und handeln wirklich alle Christen so, wie du mit
diesem Wir mich glauben machen willst?«
    »Komödie?« fragte ich. »Wer hat damit begonnen, ich oder du?«
    »Wieso ich?«
    Jetzt war er es,
