 nicht
ein, um ihn zu werfen, wie man eben Schatten wirft, so kann er es nicht einmal
zum bloßen Schemen bringen; er ist ein - - - Nichts! - - Und die kraftvoll und
unabhängig sich bewegende Persönlichkeit? Jeder Schatten bedeutet fehlendes
Licht. Ein Mensch, der sich zum Schatten anderer macht, hat seinem Geiste und
seinem freien Eigenleben entsagt. Er ist eine unselbständige Dunkelexistenz
geworden, die überall, wo Licht vorhanden ist, nach Trübem, Düsterem und
Finsterem hascht. Diese Lichtscheu wirkt genau so, wie die Wasserscheu. Sie
gibt sich ganz und gar der Tollheit hin und folgt von Schritt zu Schritt, nur
um zu - - beißen!«
    Der Ustad hielt nach dieser längeren Gedankenfolge inne. Man sah es ihm an,
dass er keine Bemerkung von uns erwartete. Ich hätte wohl manches einzuwenden
gehabt, sah aber keinen zwingenden Grund, dies augenblicklich zu tun. Gegen
derartige Ansichten und Anschauungen hat man vorsichtig zu verfahren. Es gibt
Meinungsverschiedenheiten, die nicht im Handumdrehen, sondern nur mit Hilfe der
Zeit zu beseitigen sind, und hier schien es mir, als ob grad diese Zeit es sei,
die solche bittere Gedanken in ihm befestigt hatte. Er fuhr nach dieser Pause
fort:
    »Hast du, Effendi, einen Mann gekannt, Hadschi Halef Omar, den Scheik der
Hadeddhin vom Stamme der Schammar, der bereit war, mit seinem deutschen Sihdi
alle Qualen der Erde und der Hölle zu erdulden und tausend-, tausendmal für ihn
zu sterben?«
    Ich nickte nur.
    »Du Glücklicher! Ich hatte keinen, keinen Halef! Ich besaß nicht einen
einzigen Freund, der deinem Hadschi auch nur einigermaßen ähnlich gewesen wäre!
Und doch gab es so viele, viele, die sich meine Freunde nannten, als ich in der
Mitte meines Sonnentages stand! Sie wollten nichts von mir; sie verlangten
nichts von mir; sie forderten nichts von mir; aber sie liebten mich alle, alle,
alle so wahr, so treu, so innig! Nur eins sollte ich ihnen bringen, weiter
nichts, weiter gar nichts: Nämlich Opfer, wieder Opfer und immer wieder Opfer!
Und ich brachte sie! Wie gern! Ich liebte ja die Menschen alle, alle! Ich
glaubte, dass sie meiner Liebe wert seien. Ich wusste nicht, dass es klug sei,
nicht den Einzelnen an sich, sondern die Menschheit in ihm zu lieben. Meine
Freunde aber überschüttete ich mit doppelter Liebe! Da kam der Augenblick, an
welchem ich bemerkte, dass meine Sonne sich schief zu mir gestellt hatte. Welche
unerwartete Wirkung fand sich da ein! Auch an meinen Freunden und sonstigen
Bekannten begann jetzt so vieles schief zu werden! Sie dachten schief über
