? Was meinst du wohl, Effendi?«
    »Natürlich gibt es sie.«
    »Wie denkst du dir das?«
    »Stelle etwas Geistiges oder Seelisches an das Licht, um es zu sehen, so
wird sich sofort der betreffende Schatten einfinden. Hinter jeder Tugend steht
dann das betreffende Laster, welches eine ganz genaue, aber kehrseitige
Nachahmung aller ihrer Vorzüge ist. Hinter der weisen Sparsamkeit erscheint dann
der Geiz, hinter der Freigebigkeit die Verschwendung, hinter der Wahrheitsliebe
die grobe Rücksichtslosigkeit, hinter dem edlen Erwerbsinne der ordinäre Betrug
und Diebstahl, hinter der Vorsicht die Feigheit, hinter dem Mute die
Unbedachtsamkeit, hinter der Beredsamkeit das Schwätzertum, hinter der
Verschwiegenheit die Starrköpfigkeit. Aber ich sehe auch noch andere Schatten
stehen: Die rücksichtslose Tyrannei hinter der segensreichen Macht, das
Schmeichlertum hinter dem Gehorsam, die Empörung hinter der Freiheit, den Mord
hinter der Notwehr, die Scheinheiligkeit hinter der Frömmigkeit, die
Schleicherei hinter der Demut, die Prahlsucht hinter der Selbsterkenntnis, den
Völler hinter dem Esser, den Säufer hinter dem Trinkenden, den Vagabunden hinter
dem Wanderer, den Verleumder hinter dem Richter. Soll ich noch weiter
fortfahren, Ustad?«
    »Nein; es ist genug,« antwortete er. »Deine Aufstellung war sehr
interessant, wahrscheinlich ohne dass du weißt, warum ich dies meine. Du
brachtest Tugenden und Untugenden, Zustände und Regungen. Wie kommt es, dass du
hieran dann Personen geschlossen hast? Ist das absichtlich geschehen? Wolltest
du etwa hiermit aus dem Gebiete des Geistes hinüber nach dem Reiche der Geister
deuten? Hast du an das für uns unsichtbare Land gedacht, an dessen Pforte die
sterbende Unwissenheit ihre letzten Worte Von hier gibt es keine Wiederkehr
ruft? Stand dir jenes Reich vor Augen, welches der Aberglaube mit Gespenstern
bevölkert, obgleich er, er, er das allereinzigste Gespenst ist, welches
existiert?«
    »Ich gab Beispiele,« erwiderte ich. »Eine Unterscheidung lag mir fern.«
    »Wohl! Schauen wir also nicht hinüber, sondern bleiben wir bei den Menschen!
Jeder, der in der Sonne steht, kann, wenn er sich von ihr abwendet, seinen
Schatten sehen. Das ist physikalisch. Aber es gibt auch noch andere Schatten.
Ich will ihre Arten nicht aufzählen. Aber eine von ihnen, welche ich die
mytologische nenne, möchte ich dir doch zeigen. Sie wurden im alten
Griechenland entdeckt und als Erinnyen oder Furien bezeichnet. Sind dir diese
Schemen bekannt, Effendi, die höllischer sind, als die Hölle selbst?«
    »Nur aus der Mythologie,« sagte ich.
    »Du irrst dich. Du hast sie auch im wirklichen Leben gesehen. Sie laufen da
allüberall herum! Du hast sie nur nicht durchschaut, nicht
