 dass der Mirza an diese Sage glaubt, und werde ihn bei ihr fassen.
Halte die Büsche zurück, wenn ich zu ihm hineinschlüpfe und auch dann, wenn ich
wiederkomme!«
    Er nahm die Maske aus dem Peitschengriffe und band sie sich vor das Gesicht.
Dann holte er die Agraffe aus der Blechkapsel und steckte sie an die Mütze.
Hierauf steckte er auch meinen Chandschar genau so, wie der Mirza den seinigen
im Gürtel trug. Und nun wartete er.
    Ich wusste nicht eigentlich, was er beabsichtigte, obwohl ich die Bedeutung
des Chodem kannte. Chodem ist das persische Wort für »ich selbst«. Die dortigen
Metaphysiker aber bezeichnen mit diesem Worte etwas noch Anderes, ungefähr so
eine Art dessen, was wir »Doppelgänger« nennen, aber in viel höherem, edlerem
Sinne. Sie lehren, dass der Mensch zwar auch einen Geist besitze, den die Seele
nach und nach aus den Stoffen des Körpers heraus- und emporzubilden habe, aber
dieser rein menschliche Geist sei abhängig und werde geleitet von einem Geiste
aus höheren Regionen, der Gott mit seinem eigenen Schicksale dafür
verantwortlich sei, dass der ihm anvertraute Mensch seine Bestimmung erreiche.
Dieser hohe Geist eigne sich sämtliche Aggregatszustände seines Menschen an und
sei also imstande, ihm und auch Anderen persönlich zu erscheinen, und zwar ganz
genau in derselben Gestalt und Kleidung wie der Betreffende selbst. Erscheine er
Andern, so habe das nichts Schlimmes zu bedeuten; lasse er sich aber vor seinem
eigenen Menschen sehen, so sei das ein sicheres Zeichen, dass er ihn für immer
verlassen werde, also entweder des nahenden Wahnsinns oder des zu erwartenden
Todes. Denn ein Mensch, der von seinem höheren Geiste, von seinem Chodem
aufgegeben wird, muss entweder sofort sterben oder in geistiger Nacht langsam
versiechen.
    Das ist die Sage oder die Lehre, auf welche der Ustad sein jetziges
Verhalten stützen wollte.
    Ahriman Mirza kam herein. Er brannte ein mitgebrachtes Licht an und ging an
die Steinplatte, um es dort fest anzutropfen. Als dies geschehen war, zog er
zwei zusammengefaltete, große Papierbogen aus der Tasche, schlug sie auseinander
und beugte sich zum Lichte, um zu lesen. Da schob sich der Ustad leise, leise
zwischen Gebüsch und Wand hinein, schlich unhörbaren Schrittes zu ihm hin, bis
er hinter ihm stand, und berührte ihn mit der Reitpeitsche. Der Mirza zuckte
zusammen, richtete sich schnell auf, drehte sich um und - - - stieß einen Schrei
aus, wie ihn nur der größte Schreck oder gar das wirkliche Entsetzen aus der
Lunge zu pressen vermag. Dann stand er starr wie Stein, vollständig
bewegungslos.
    Mir selbst, der ich doch wusste, woran ich war, erschien die Szene beinahe
grauenhaft. An der gespenstigen
