 Ein Vergnügen
ist es, ein hochdankbares Studium, die Gedanken eines edlen Pferdes zu erraten
und sie mit ihm auszuführen! Ich habe wohl viele, viele Reiter kennen gelernt,
gute und schlechte, unter ihnen aber nur einen einzigen, der mit mir darin einig
war, dass das Pferd auch einmal Etwas selbstwollen dürfen muss. Das war mein
Winnetou. Es hat ja Willen, wie jedes Tier. Und es besitzt auch Intelligenz,
diesen Willen entweder für richtig oder für falsch zu halten. Es merkt sofort,
wenn der Reiter einen Fehler macht, und zeigt die Absicht, diesen Fehler zu
verbessern. Aber das ist ihm verboten. Es muss sich den gefühllosesten,
unverständigsten Bengel gefallen lassen, der keine Ahnung von der zarten
Empfindlichkeit und von dem Ehrgefühle, der Auffassungskraft, der
Überlegsamkeit und dem Gedächtnisse eines guten Pferdes hat und es einfach zum
innerlich und äußerlich steifen Gaul herunterrackert! Ich kam einst mit einem
solchen Menschen scharf zusammen. Er hatte von Nachmittag bis Mitternacht in der
Kneipe beim Kartenspiele gesessen und einen Grog nach dem andern getrunken, denn
es war ein sehr strenger Wintertag und selbst in der Stube kalt. Draußen aber
stand sein Pferd angebunden, nicht zugedeckt, fast klappernd vor grimmiger
Kälte. Es war ein gutes, fünfjähriges Halbblut. Der dünnspitzige Schnee, welcher
wie Nadeln fiel, bedeckte es handhoch. Die Haut besaß nicht mehr die nötige
Wärme, ihn wegzutauen. Das Pferd hatte während dieser ganzen Zeit weder Futter
noch Trank bekommen und den lieben Herrn dann noch volle drei Stunden weit
heimzutragen. Das ergab einen Wortwechsel zwischen mir und ihm, den er mit der
Zurechtweisung schloss: »Das Vieh gehört mir, nicht Ihnen. Sie haben mir gar
nichts zu sagen! Und mit Ihren sogenannten Gefühlen kommen Sie mir erst recht
nicht! Zu behaupten, dass die Tiere, die Pferde eine Seele haben, ist eine Sünde
und von den Geistlichen verboten. Das habe ich von meinem Pfarrer, und der hat
es aus der Bibel! Na, also!« Hierauf spielte er ruhig weiter. Er ritt erst gegen
Morgen fort, kam aber nicht ganz heim. Er musste das arme Tier unterwegs
einstellen. Es hatte so stark verschlagen, dass es eine unheilbare Lähmung
davontrug. Da gab er es dem Schinder!
    Syrr war nicht nur edel, auch nicht nur hochedel; er war mehr. Ich hatte mir
für heut eine große Fläche, einen weiten Spielraum zum Reiten gewünscht. Warum?
Weil ich nicht sofort den Herrn und Gebieter spielen wollte. Der Rappe sollte
zunächst ganz seinen eigenen, freien Willen haben. Er sollte gleich am ersten
Tage herausfühlen, dass ich nicht so dumm sei, seine Natur, seine Gaben, seine
Vorzüge zu knechten und zu knebeln.
