 verreist und ein
Effendi aus dem Abendlande vertrete seine Stelle. Ich kenne weder dich noch
deine hohen Würden und Titel und möchte doch nicht, dass ich dir etwas
vorentalte. Darum verzeihe mir, wenn ich vor allen Dingen einige Fragen
ausspreche. Welchen geistlichen Rang bekleidest du daheim in deinem Lande?«
    »Keinen,« antwortete ich.
    »Welche hohe militärische Charge führest du?«
    »Keine.«
    »So nenne deinen Rang bei der Regierung deines Volkes!«
    »Ich habe keinen.«
    »Aber was bist du sonst? Was hast du dann?«
    »Ich bin nur ich und habe nur mich, sonst weiter nichts.«
    Die Absicht, in welcher er seine Erkundigungen ausgesprochen hatte, war
leicht zu durchschauen. Ich sollte mich ihm gegenüber so klein wie möglich
fühlen! Direkte Unhöflichkeiten aber sucht der gebildete Perser so viel wie
möglich zu vermeiden. Darum warf er mir zwar einen sehr deutlich mitleidigen
Blick herüber, fuhr aber in gütigem Tone fort:
    »Du hättest verschweigen können, dass du so gar nichts bist. Ja, du hättest
dir hohe Ehren beilegen können, ohne dass wir an Lüge denken durften. Du bist
aber wahr und offen gewesen, und das hat dir bei uns diejenige Achtung gewonnen,
die Jedem gebührt, der sich zu lügen scheut. Unsere Würden sind unveräusserlich.
Indem wir zu dir niedersteigen, nehmen wir sie mit herab zu dir und ehren dich
durch sie. Aber wir möchten doch gern wissen, wie weit die Vollmacht reicht,
welche der Ustad dir erteilte.«
    »Diese Vollmacht ist die volle Macht. Es ist genau, als ob er selbst vor
Euch säße.«
    »Du kannst über Alles entscheiden, wenn es dir beliebt?«
    »Ja.«
    »Und er wird es bestätigen?«
    »Unbedingt.«
    »So freut es mich, dir mitteilen zu können, welch ein großes, reiches
Geschenk ich Euch heut mitbringe. Schon als ich noch in Feraghan war, hörte ich
von den Dschamikun sprechen und lernte ihren Ustad am Hofe des Schah-in-Schah
kennen. Seit ich mich nun in Chorremabad befinde, habe ich Euch unausgesetzt
beobachtet. Ihr strebt nach hohen Zielen. Ihr wollt die Menschen nicht erst
dort, sondern auch schon hier glücklich sehen. Und Ihr greift zum besten Mittel,
dieses Ziel zu erreichen. Ihr hebt das Volk empor durch guten Unterricht und
haltet in jeder Beziehung, auch im Glauben, mit allen Menschen Frieden. Wenn
jeder Stamm das täte, so wie Ihr, dann würde es wohl bald den längst ersehnten
achten Himmel geben, den Himmel Allahs hier auf dieser Erde! In andern Ländern
wird ein solches Bestreben, wie das Eurige ist, verfolgt.
