 ich plötzlich müd, sehr müd geworden. War es eine
wirkliche, körperliche Schwäche, die mich überkommen hatte, oder musste ich mich
unter der intellektuellen Wucht dieser beiden Worte niedersetzen? Wer ist der
Mensch dass er es wagt, trotz allem, was ihm dazu fehlt, an eine solche Arbeit zu
treten?! Dieses Buch war ganz gewiss in jener Zeit der Jugend begonnen worden,
für welche das Land der Möglichkeit fast ohne Grenzen ist. Wenn dann das Alter
alles, was unter größter Kraftanstrengung für die Unmöglichkeit geleistet wurde,
als unbrauchbar vernichten soll, so geschieht dies fast nie, sondern es wird in
allen Winkeln aufgestapelt, um dann irgend einem infallibeln Pessimisten als
Beweis dafür zu dienen, dass auf der Erde alles, alles eitel sei.
    Es verlangte mich, dieses Manuskript lesen zu dürfen, und doch wäre ich wohl
kaum mit Lust an diese Arbeit gegangen, weil ich mir ja sagen musste, dass ich
nicht damit einverstanden sein könne. So saß ich lange Zeit in beinahe trüben
Gedanken da, bis der Ustad wieder hereinkam und mich abermals bat, mit ihm in
die Bibliothek zu gehen.
    Ich stand auf und ließ unwillkürlich einen forschenden Blick an seiner
Gestalt niedergleiten. War er ein anderer geworden? Es hatte sich weder an
seiner Figur noch überhaupt an seinem sichtbaren Menschen etwas verändert. Und
doch war es mir, als ob er nicht mehr so vor mir stehe, wie er mir unten an
meinem Lager erschienen war. Es wollte mich eine Art von Beschämung über diese
meine Undankbarkeit beschleichen; aber gegen dieses Gefühl stand in mir etwas
auf, was mächtiger und, wie ich jetzt weiß, auch richtiger und gerechter war und
mich aufforderte: »Schmeichle nicht dir selbst, indem du ihn zu schonen
scheinst. Die Sonde, welche du an ihn legst, muss dich so wie ihn schmerzen!« Er
sah diesen meinen Blick auf sich ruhen und fragte mich:
    »Du schaust mich an. Du hast mein Werk da in der Hand. Lasest du vielleicht
darin.«
    »Nur den Titel?«
    »Und darum dieser dein Blick?«
    »Ja.«
    »Ich verstehe dich. Geist und Wahrheit! Vielleicht hätte es besser geheißen:
Geist oder Wahrheit!«
    »Auch das nicht.«
    »Also weder und noch oder!«
    »Glaubtest du, dem Geiste, der Wahrheit durch Konjunktionen oder zufällige
Konjunkturen nahetreten zu können? Indem du diesen Titel schriebst, hattest du
das Werk geschrieben. Du brauchtest es gar nicht zu beginnen. Es musste
unvollendet bleiben. Aber der Geist, der sich an diese Aufgabe wagte, durfte
trotz Kaiphas und Pilatus nicht von dir aufgegeben werden. Ich bin überzeugt,
dass er Besseres, Edleres und
