, trat langsamen Schrittes, ohne etwas zu sagen, zum offenen Fenster
und lehnte sich hinaus. Ich hatte das Buch »Mein Leidensweg« noch in der Hand
und begann, darin zu blättern, doch ohne eigentlich zu lesen. Verschiedene
Sätze, welche unterstrichen waren, fielen mir auf. Bei diesen verweilte ich. Ja,
sie waren »Flamme«. Es glühte und flackerte in ihnen ein Zorn, welcher
versengend war. Das Buch schloss auf der vorletzten Seite mit einem Gedichte.
Dieses lautete:
»Ich kam zu dir am Hosiannatag
Und sah dich im Triumph durch Salem reiten,
Doch auch schon alles, was noch vor dir lag,
Sah hinter dir ich im Gefolge schreiten.
Da wendete ich mich zur Klagemauer
Und stand mit heißer Stirn am kalten Stein.
In deinen Jubel warf ich meine Trauer,
Denn mit dir zog ja auch dein Judas ein.
Ich kam zu dir am Eli-lama-Tag
Und sah dein Haupt im Todesschmerz sich senken.
Doch als dein Mund das Asabtani sprach,
Musst schon ich an das nahe Ostern denken.
Du warst ja einst auf jenen Berg gestiegen,
Den man als Stätte der Verklärung preist,
Und musstest beide, Grab und Tod, besiegen
In deiner Kraft als erdenfreier Geist.
Nun komme ich zum Auferstehungstag
Und sage dir: die Steine sind verschwunden.
Die Jünger sahen früh im Grabe nach
Und haben deinen Leichnam nicht gefunden.
Soll wohl der Geist hier in der Gruft verbleiben,
Wo doch der Körper längst schon auferstand?
Steh auf, steh auf! Es gibt noch viel zu schreiben,
Jedoch von jetzt nur mit - - - der Geisterhand!«
    Ich las es noch einmal und dann zum dritten Male. Welch ein Gedicht! Ich
meine nicht etwa den künstlerischen Wert desselben. Der ging und geht mich gar
nichts an. Es war nicht die Form, sondern es war der Geist, der vor mir stand.
Ich sah ihn deutlich, mit allem, was ich loben konnte, und auch mit allem, was
ich an ihm tadeln musste. Der Mann, der diese Zeilen geschrieben hatte, war aber
unbedingt auch körperlich in Jerusalem gewesen. Ich sah ihn durch das Jaffator
kommen und geradeaus auf jenem Stufenwege schreiten, welcher hinab nach dem
»Heiligtum« führt. Aber dorthin wollte er gar nicht, sondern er bog nach links,
in die engen Bazare, die auf das Tor von Damaskus münden. Dort wendete er sich
rechts, dem »Leidenswege« zu, hinauf nach Golgata, dessen Stätte ein Gegenstand
der Phantasie geworden ist, weil man die rechte Stelle nicht mehr kennt. Im
tiefen Winkel liegt die »Klagemauer«. Hier hörte man die wahre Sehnsucht einst
nach der Erlösung rufen. Jetzt
