 dort zu sein,
wo all meine Gedanken sind. Hinter den hohen Pekinger Stadtmauern. Allein schon
die Hitze dort in dieser Jahreszeit, ohne alles andere - welche Marter! Ich
bilde mir ein, daran teilzunehmen, von hier aus mittragen zu helfen.
    Wie schön wäre es doch, wenn man für andere tragen könnte, wenn man sagen
könnte: »Ruh Du Dich jetzt aus, denn nun schieb ich die Schulter unter die
Last.« Das Weh der Welt ist aber nicht wie ein Brot bestimmter Größe, je mehr
davon essen sollen, desto kleiner müssen die Teile werden. Nein, es wächst mit
jedem neuen Gast, es ist immer in Überfluss auf dem Tisch und kämen auch immer
wieder neue Millionen hinzu. Tragen helfen! auch so eine Illusion, mit der die
große Hoffnungslosigkeit verborgen werden soll. Jeder trägt, was schon mit ihm
in der Wiege lag, was mit ihm selbst gewachsen ist, trägt, weil es eben nicht
anders geht. Und vor, neben und hinter ihm stehen unabsehbare Reihen von Wesen,
die auch alle tragen, jedes seine Last.
    In Wahrheit abnehmen kann keiner dem andern etwas, so dass der wirklich frei
aufatmete - wir können nur zum eigenen Leid uns noch das des anderen hinzudenken
- mit ihm mitleiden.
    Mitleiden - ach, wie sehr leide ich hier mit jenen, die ich in Peking
gelassen, leide mit Ihnen, lieber Freund! Bald suchen meine Gedanken Sie hinter
den düstern Stadtmauern, die mit unheimlichem Schweigen unbekanntes Schicksal so
vieler umgeben, bald in dem großen, brodelnden China, von dem aus allen Teilen
Nachrichten über Aufstände und Metzeleien eintreffen.
    Und mit all meinem Mitleid kann ich so gar nichts helfen!
 
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                                                    New York, den 22. Juni 1900.
Lieber Freund! In diesen Zeiten wachsender Angst und Sorge denke ich so
unablässig an Peking und an alles, was sich dort zutragen mag, dass es mir oft
ist, als sei ich selbst dort und ich mich kaum noch erinnere, wo ich mich in
Wirklichkeit befinde. Redet mich jemand an, so fahre ich auf, wie aus einem
Traume gerissen und muss mich erst wieder besinnen auf die mich umgebende Welt.
Stundenlang liege ich nachts wach und sinne nach und suche durch die Gewalt des
Willens den Schleier zu lüften, der undurchdringlich zwischen uns liegt. Ich
lausche, ob durch das tiefe Schweigen nicht doch eine einzige Stimme dringt, die
mir Kunde brächte. Und dann am Morgen das fieberhafte Warten, bis die Zeitungen
kommen, der jedesmalige sichere Glauben, heute müssen sie erlösende Nachrichten
enthalten - und das jedesmalige Zusammensinken aller Hoffnung, die bittere
Enttäuschung - immer das gleiche tiefe Schweigen.
    Bilder aus jenen vergangenen Zeiten ziehen unablässig an meinen Augen
vorbei,
