 ist, fühlt nur, dass es Furchtbares, Unerhörtes sein muss,
da, hinter der Tür - man möchte helfen, das Schloss sprengen, die Tür
einstossen, eilen und retten - und man kann und kann nicht. Es ist wie ein
quälendes Alpdrücken.
 
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                                                        New York, 19. Juni 1900.
Die Taku-Forts sind eingenommen.
    Das muss doch die Chinesen einschüchtern! Und nun wird doch sicher die
Entsatzkolonne, die Admiral Seimour führt, bald in Peking anlangen oder
vielleicht schon dort sein. Ein paarmal wurde ihre Ankunft schon gemeldet, dann
aber widerrufen.
    Aber wie ist es denn nur alles möglich? Das fragen wir uns immer wieder.
Etwas Traumhaftes hat das Ganze, und man ringt, endlich erwachen und all den
nächtlichen Spuk abschütteln zu können. Wenn ich an unsere stillen monotonen
Pekinger Jahre zurückdenke, sage ich mir oft, »dies ist ja alles nur ein
verrücktes Märchen, an das niemand glauben kann«. Über wie vieles wurde doch in
China geklagt! Über Hitze, Staub und Moskitos, Überarbeitung, Ärger durch das
eigensinnige Tsungli-Yamen oder über die großen Herren zu Hause, denen China
ein Buch mit fünf Siegeln ist und die doch alles besser wissen wollen. Aber dass
Gefährdung der persönlichen Sicherheit je zum Gegenstand gerechter Beschwerde
gegen das Schicksal und die Chinesen werden könnte, wäre keinem in den Sinn
gekommen. Unmöglich wäre es uns allen erschienen, und was wir jetzt hören,
klingt kaum glaublich - - aber wenn ich dann die Zeitungen mit den groß und
fettgedruckten Telegrammen sehe und höre, wie alle Menschen nur von China reden
- dann weiß ich, dass das Abenteuerlichste, Wildeste und Unwahrscheinlichste in
unsern Tagen Wahrheit geworden ist.
    Wir haben die Chinesen nur als arme, gedrückte Menschen gekannt! Knechtung,
Erpressung und Ungerechtigkeit, wie auch große verheerende Naturkatastrophen
schienen sie geduldig zu tragen; vielleicht sahen sie in ihnen nur die
verhältnismäßig gleichgültigen Begleiterscheinungen des einen großen Übels,
des Lebens. Jahrhundertelang sind sie gezüchtet worden in einem System, dessen
Erpressung, Ungerechtigkeit und Betrug so recht auf der ewigen Trägheit und
Feigheit der großen Massen beruhen. Jeder hatte dort immer Mächtigere zu
versöhnen, umzustimmen, zu erkaufen. Die einzige Erleichterung und Rettung vor
der ungeheuren Last war schlaue Überlistung der Bedrücker. Wie so oft in
menschlichen Verhältnissen, knechtet dort der Stärkere den Schwächeren und wird
dafür von ihm hintergangen. Leicht zu befriedigen schienen mir eigentlich die
Chinesen, verlangten nicht mehr, als dass die paar Kupfermünzen, die sie täglich
verdienten, ihnen nicht von einem ihrer Peiniger abgerungen würden; dass dies
aber oft vorkommen muss, sahen sie alle als alte Weltenregel an, in die man sich
philosophisch fügt, wenn man sie nicht listig zu umgehen weiß. Arme
