; er bittet um 2000 Mann. Aber wann können die dort sein?
    Ich muss immerwährend an Hofer denken. Man solle Kavallerie in der Nähe
bereit halten, das sei das Wichtigste, sagte er. Ach wie recht hatte doch dieser
streitbare Kirchenmann!
    Er und manch andere Missionare und auch die China-Association in Hongkong
haben gewarnt, und schon in den Schanghaier Märzzeitungen stehen eindringliche
Artikel über eine große kommende Gefahr. Es ist als hätte alle Welt das Unheil
nahen sehen, nur nicht die eigens dazu aufgestellten Schildwachen.
    Unbeachtet sind die Warnrufe verhallt. Man wollte sich im bequemen,
tatenscheuen optimistischen Glauben, dass ja alles ganz gut stände und die Welt
ein netter behaglicher Aufenthaltsort sei, nicht stören lassen, wollte
Weitläufigkeiten, Parteinahmen und Einmischungen vermeiden, und in der großen
Sehnsucht nach Ruhe alle dem aus dem Wege gehen, wodurch neue Aktenrubriken
entstehen können.
    Und besondere Umstände kamen noch dazu. Die Amerikaner sagen es selbst in
ihren Zeitungen, dass sie nicht in der Lage seien, Landtruppen nach China zu
senden, weil sie sie in den Philippinen brauchen. Die Engländer haben gerade
genug mit den Buren zu tun. »Unsere Zähne sind leider in Afrika«, hat ihr
großer Mann geantwortet, als man neulich in ihn drang, den Chinesen die Zähne
zu zeigen. Die Franzosen haben auch ein besonderes Interesse daran, dass es in
China ruhig bleibt, denn in Ausstellungsjahren soll immer alles eitel Glück und
Freude sein. Ausstellungen sind für Völker, was Verlobungen im Familienkreise
sind; da stellt man sich auch an, als sei alles herrlich und schön, alle Fehden
werden für ein Weilchen begraben und man tut so, als sei Grund zu allgemeiner
Freude.
    Aber die dunkeln, unerforschten Kräfte, die uns treiben, die unerbittliche
Schicksalsmacht, die über uns steht und das werden lässt, was wir nachher
Geschichte nennen, - die kehren sich nicht an Völker - und Familienfeste, nehmen
keine Rücksicht auf das müde Ruhebedürfnis alternder Geschlechter - die führen
uns unaufhaltsam weiter, wir wissen nicht wohin - und im dichten Nebel ragen
dann plötzlich vor uns drohende Felsen aus dem Meere empor.
 
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                                                        New York, 17. Juni 1900.
Mit Angst und Spannung heute früh die Zeitung geöffnet, Schlimmes erwartend,
aber doch nicht dies Entsetzliche: »Die Gesandtschaften angegriffen, ein
Gesandter ermordet« - und diese Mitteilung selbst - dunkel, gerüchtweise, wie
Unheilsbotschaften sich im Osten stets verbreiten, so dass man noch tausendfach
Unheimlicheres dahinter vermutet. Alle telegraphische Verbindung mit Peking ist
abgeschnitten. Die Nachrichten sickern durch auf geheimnisvollen Umwegen. Es
ist, als ob hinter einer verschlossenen Türe eine grausige Tragödie sich
abspielte - plötzlich hört man Stöhnen, Blut rinnt über die Schwelle, man weiß
nicht, was geschehen
