
Spaziergängern, lauter Menschen, die sich einer zum andern begeben, in ihrem
charakteristischen Bedürfnis nach möglichst viel »social gaterings«. Die
meisten der Häuser sind mit einem Luxus und einem praktischen Komfort
eingerichtet, wie er auf dem deutschen Durchschnittslandgut ganz unbekannt ist.
Zu jedem dieser Reichtumsheime denken wir Europäer uns unwillkürlich als
notwendige Grundlage und Begleitung eine meilenweite Herrschaft hinzu, statt
dessen liegen sie aber nur ein paar Minuten von einander entfernt. Unten am See
steht das gemeinschaftliche Klubhaus, mit Einrichtungen für alle Arten von
Sport, mit großem Ballsaal und Lesezimmer. Nachmittags trifft sich da die ganze
Gesellschaft. Es ist eine Assoziation befreundeter Familien, die hier in den
einstmaligen indianischen Jagdgründen eine Kolonie reicher Leute gegründet
haben.
    Während der Wochentage dominiert das weibliche Element an Zahl, wie in den
meisten Landaufentalten in der Umgegend New Yorks; der Sonnabend-Nachmittagszug
bringt dann eine Menge Herren, Villenbesitzer und Gäste, die bis Montag bleiben,
um sich von der großen Anstrengung des Gelderwerbs auszuruhen. Ich weiß nie
genau, was der Beruf des einzelnen Amerikaners ist, weiß nur, dass sie alle
Geld machen. Sie erscheinen mir wie geheimnisvolle Wesen, die eine Zauberformel
kennen, durch die sie aus allen Winkeln Gold herauszuziehen vermögen, wie in
Indien die Schlangenbeschwörer aus allen Ecken, wo niemand sie vermutet, Kobras
hervorlocken.
    Den Zauber Amerikas aber bilden die Frauen, die es immer verstehen, ihre
eigenen Sorgen beiseite zu setzen und das Liebenswürdigsein als Beruf betreiben;
vielleicht wären sie noch reizender, wenn sie es nicht immer so eilig hätten,
als seien sie in Angst, irgend etwas zu versäumen.
    Hier sind einige sehr nette Frauen, von ansteckender Heiterkeit; und ich
weiß nicht, ob es ihr Einfluss oder der volle warme Frühling macht, aber mir
ist manchmal, als erwache ich allmählich aus einem seltsamen narkotischen
Zustand. So muss den Murmeltierchen zu Mute sein, wenn sie sich nach dem
Winterschlaf dehnen und recken und die kleinen blinzelnden Augen gewahr werden,
dass die schöne Welt immer noch da ist. Dann ruft so ein erwachendes
Murmeltierchen sicher auch: Guten Morgen, lieber Freund!
 
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                                                          Tuxedo Park, Mai 1900.
Das Bridgewatersche Haus hier in Tuxedo gefällt mir beinah noch besser als ihr
Stadtaus. Es heimelt mich an mit seiner hessischen Bauart. Steinerner Unterbau
bis zur Höhe des ersten Stockes und darüber weißer Bewurf, von dem sich die
Balken des Fachwerks in warmen, braunen Holztönen abheben. Dazu weit
vorspringende Dächer und Giebel über einigen Zimmern, deren Fenster besonders
schöne Blicke auf See und Wälder haben. Alte zopfige Engelchen aus grauem Stein
sind an einem Balkon verwendet und man sieht, dass alles, was das Haus schmückt,
von dem spanischen, eingelegten Täfelwerk des Speisezimmers bis zum
schmiedeeisernen Geländer der
