 auf dem Meere gegeben, und immer wieder kämpft
das Meer mit all dem fremden Leid auf seinem Grunde, kämpft, um die alte
verlorene Ruhe zurückzugewinnen. Aber die kehrt nie wieder. Auch an stillen
klaren Tagen wie heute steigt ein banges Seufzen aus der blauen Tiefe.
                                                                  P.S. New York.
Die ganze Überfahrt ist so glatt und still geblieben - wie eine wohltuende Pause
im Leben, eine sechs Tage lange Parentese! Wie Musik schläferte das Rauschen
der langen, trägen Wogen manch alten Schmerz ein. - Musik und weite Reisen sind
so recht, was wir arme moderne Menschen brauchen, denn sie beruhigen und lehren
vergessen. Während das Schiff unaufhaltsam weiter glitt, hatte ich beständig die
Empfindung, dass etwas Furchtbares, das lange Zeiten Gewalt über mich gehabt,
nun endlich und für immer hinter mir zurückblieb. - Wie vielen ist diese selbe
Reise über den Atlantischen Ozean schon eine Flucht gewesen vor der
Vergangenheit! Auch ich hatte das Gefühl des Entfliehens und Abschüttelns. - Als
ob Schranken und Fesseln gefallen seien, war mir, als ich heute früh erwachte,
und da stand sie auch schon auf ihrem Felsen, die riesengrosse Freiheit, die den
Belasteten aller Länder mit ihrer Leuchte Hoffnung zuzuwinken scheint.
    Die Freiheit als Wahrzeichen eines Weltteils und als Willkommen für alle
aufzustellen - das macht den Amerikanern doch niemand nach!
 
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                                                          Tuxedo Park, Mai 1900.
Lieber Freund! Nachdem wir in New York gelandet waren, erhielten wir von Mr.
Bridgewater die freundliche Aufforderung, ihn hier zu besuchen. Ich war noch so
müde und abgespannt von allem in Deutschland Erlebten, dass ich dankbar die
Einladung annahm, mich etwas auf dem Lande zu erholen. Landleben, wie ich es von
früher in der Erinnerung habe, Stille, Einsamkeit norddeutscher Güter, die
Meilen weit von einander entfernt liegen, nur durch Landwege verbunden, die
während Herbst- und Frühlingstauwetter eher verkehrhemmend als fördernd wirken -
so etwas gibt es hier freilich nicht. Tuxedo Park beweist mir mal wieder, dass
Amerikaner wohl Sinn für Exklusivität, aber nicht für Alleinsein haben. Sie
brauchen Menschen, Bekannte - allerdings nur sorgfältig ausgewählte, solche, die
in jeder Hinsicht sozial wünschenswert sind. In diesem Bedürfnis nach Verkehr,
dieser Scheu vor Einsamkeit sind sie Kindern ähnlich. In dem Park von Tuxedo
stehen auf bewaldeten Hügeln, die sich um einen See ausdehnen, eine Menge
hübscher Landhäuser, Schweizerhäuschen mit geschnitzten Holzbalkonen und hohen
Giebeln, massive Steinbauten mit breiten, südländischen Veranden, burgartig
kleine Kastelle, die altertümlich aussehen möchten. All diese Landsitze sind
nahe zusammengedrängt, die einzelnen Gärten gehen ineinander über und bilden
alle vereint den einen großen Park. Ausgezeichnet gehaltene Wege verbinden die
einzelnen Besitzungen und werden fleißig benutzt von Fahrenden, Reitern und
