 erinnert mich
stets an Leopardi, an jenen großen Italiener, der ewig ungestillte Sehnsucht im
Herzen trug, der um die Vergangenheit trauerte und nie eine Gegenwart besessen
hatte. Hanz-Buckau ist solch eine Leopardi-Natur, mit einem starken Zusatz echt
Berliner Schärfe. Für den Onkel hegt er eine rührende Freundschaft und hat seine
Eigenart des vornehm Massvollen richtig erkannt. »Professor Lichte Höh« ist der
neckende Spitzname, den er ihm gegeben. Durch seine Abwehr gegen alles Exzessive
und sein inneres Gleichgewicht ist der Onkel dem leidenschaftlichen Hanz-Buckau
wahrscheinlich wohltuend. Dieser betrachtet alles sehr kritisch, lässt wenig
gelten und spottet gern über die Herdennatur der Menschen, über die
Leichtigkeit, mit der sie sich Götzen aufnötigen lassen, die sich stets als
blecherne erweisen. Auch heute redete er viel davon. Er hat sich noch nicht mit
der Welt abgefunden, und es entrüstet ihn die falsche Bewertung, die er überall
sieht.
    »Gegen physische Faulheit wird genug geeifert und gepredigt«, sagte er,
»aber geistige Trägheit wird eher unterstützt. Die eine Hälfte der Menschheit
soll überhaupt prinzipiell darin verharren und von der anderen Hälfte so viele
als irgend möglich. Durch diese künstliche Beförderung der Unselbständigkeit
sind all die vielen falschen Größen möglich.«
    Und später sagte er: »Wir sogenanntes Volk der Denker tun eigentlich nichts
weniger gern, als nachdenken, besonders nicht über Dinge, die uns doch praktisch
angehen. Drum ist man im Ausland auch immer ganz verwundert, wenn sich in
Deutschland mal die öffentliche Meinung wirklich äußert. Gewöhnlich schläft
sie, im Bewusstsein, dass Minister, Geheimräte, Professoren, die alle etwas vom
Gottesgnadentum an sich haben, für sie wachen. Wir verlassen uns darauf, im
gegebenen Moment immer die nötigen großen Männer zu haben, als hätten wir sie
ein für allemal gepachtet, und wollen nicht sehen, dass wir in dieser Ware doch
oft recht übervorteilt werden. Wir sind unverbesserliche Heroenanbeter und
nehmen fürlieb. Sind die Zeiten schlecht, so werden die Helden kleiner, ganz wie
die Brötchen während der Teuerungen.«
    Der Onkel antwortete: »Was Ihnen, lieber Hanz-Buckau, als charakteristisch
erscheint für Land und Epoche, in denen Sie zufällig geboren sind, hat in
Wirklichkeit immer und überall bestanden, denn alle Zeiten sind stets davon
überzeugt gewesen, an großen Männern reich zu sein. Durch das spätere Urteil
der Geschichte entsteht aber oftmals gerade dort eine Öde, wo die Zeitgenossen
ein Gewühl sahen. In unmittelbarer Nähe sieht alles groß aus, aber wenn die
Erscheinungen erst in eine gewisse Entfernung rücken, die Vergleiche und die
Anlegung eines allgemeinen Massstabes gestattet, ergibt sich die wahre, dauernde
Bedeutung der Dinge. Die echten Riesen, auf die es allein ankommt, kommen
schließlich
