. Es war schon
spät, als ich auf dem Bahnhof Friedrichstrasse ausstieg. Ich ging zu Fuß bis
zum Buckingham-Hotel. Viel Hässliches, viel Elend streift man auf solch kurzem
Abendweg. Ich drückte das Gesicht in den großen Strauss Garziner Flieders, den
ich mir mitgenommen, und es war mir, als hörte ich leise, durch all den
rasselnden, rollenden Strassenlärm hindurch, die alten Worte, die unser aller
Grabspruch sein könnten:
O Herrgott, richt mit Mild den Mann,
Denn niemals er den Wunsch ersann,
Des Lebens Fahrt zu treten an!
 
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                                                               Berlin, Mai 1900.
Bei einem entfernten Verwandten meiner Mutter, den ich Onkel nenne, bin ich
gewesen. Ich glaube, er würde Ihnen gefallen, drum will ich Ihnen von ihm
erzählen.
    Nach äusserlicher menschlicher Klassifikation gehört er zu den deutschen
Professoren, aber ich glaube, innerlich und eigentlich ist er ein Wesen aus
einer klassischen Periode, vielleicht ein auferstandener alter Grieche, der in
einer Tonne hauste und den Dingen zuschaute, oder der einstmalige Abt eines
berühmten Klosters der italienischen Renaissance - aber kein Savonarola, der
gegen die Verderbnis der Menschen eiferte und die Welt bessern wollte, sondern
ein Mönch von der beschaulichen Sorte, der in Chroniken mit schön gemalten
Buchstaben seine Beobachtungen niederlegt, der die Schlechtigkeit der Welt wohl
erkennt, aber sich nicht zum eingreifenden Reformator berufen fühlt, sondern
denkt, dass, wer das eigene Herz nur rein hält, auch schon sein Teil getan hat.
    Er wohnt nahe am Tiergarten, in einer Straße, deren eines Ende sich zu
einem kleinen Platz erweitert, auf dem zwischen Fliederbüschen eine Kirche
steht. Es ist kein sehr alter Teil Berlins, aber doch auch keiner von den ganz
neuen, und es ist dort wohltuend geräuschlos. Zu den ernsten, etwas
gleichmäßigen Häusern denkt man sich unwillkürlich als Bewohner still
arbeitende Leute, die ein Menschenalter hindurch in denselben Zimmern gelesen
und geschrieben haben und nichts von hastigen Umzügen wissen. - Es ist eine
Gelehrtengegend.
    So lang ich denken kann, wohnt der Onkel im selben Haus im dritten Stock.
Sein Arbeitszimmer ist ein nach rückwärts liegender Saal, von dessen Balkon aus
man auf Gärten blickt, in denen es jetzt grünt und Frühling wird. Über seinem
Schreibtisch hängt ein Marmorrelief an der Wand. Es stellt die längst
verstorbene Frau des Onkels dar, und das kühne Profil zeigt eine auffallende
Ähnlichkeit mit Achim von Arnim oder Byron. Es ist das ein Menschentypus, dem
man in unseren Tagen selten mehr begegnet, und der früher häufiger gewesen zu
sein scheint. Vielleicht verschwinden Menschentypen mit den Idealen ihrer
Epoche. Wer würde wohl heute wie Byron für die Unabhängigkeit der Griechen
kämpfen? - Wenn man Gesichtszügen vertrauen darf, so muss die verstorbene Tante
ein
