 Ich ward mir
plötzlich bewusst, dass ich ganz ruhig war.
    Was habe ich eigentlich empfunden?
    Sein Leben war seit Jahren so entsetzlich, dass sein Tod niemandem so
erscheinen konnte. Ist doch vielleicht auch bei anderen Wesen, die nicht wie er
die Grenze überschritten haben, die wir Vernunft nennen, das Leben der Jammer,
nicht der Tod. Wir schätzen es nur so falsch weil wir durch Generationen
hindurch dazu erzogen sind. Wie sollten auch Leute regiert, wie sollten Leute zu
Gott geführt werden, qui feraient franchement fi de la vie? Gott? Auch dieses
eine spezielle Leben soll er gegeben haben, und es war ihm vermutlich doch auch
so viel wert wie die Spatzen, die er nicht vom Dache fallen lässt. Und doch ist
dies Leben verkommen, der Geist hat sich hoffnungslos umnachtet. Einer Kette mit
bleierner Kugel gleich, hat sich die eine Existenz hemmend und lähmend an eine
andere gehängt. Diesem anderen Wesen war die Fähigkeit verliehen, den vollen
Schmerz, die ganze Entwürdigung dieser Last bis in seine innersten Fasern zu
fühlen; Hoffen, Streben, Sehnen waren ihm gegeben, und nichts hat sich erfüllt
von all den Möglichkeiten, die ihm vorschwebten. Nachdem dann das eine Leben wie
eine stumpfe, träge Masse jahrelang hingebrütet und das andere sich mit dem
entsetzlichen Bewusstsein eigener Vergeudeteit und Zwecklosigkeit Jahre um
Jahre müde hingeschleppt hatte, da hat eine rohe Katastrophe das plumpe Ende
gebracht. Nichts ist aufgeklärt, nichts versöhnt. Man steht vor den
unvernünftigen Tatsachen. Wozu das Ganze? Vorsehung? Nein, der Begriff erklärt
mir nichts. In der Vorstellung einer weltenschaffenden, weltenlenkenden Gewalt,
die trotz ihrer Allmacht aus ein paar einfachen Menschengeschicken ein so
hoffnungsloses Wirrsal werden lässt, in der Vorstellung liegt eine solche
Grausamkeit und Willkür, dass man sie immer anrufen möchte: »So verantworte dich
doch, verantworte dich!« - Während all der letzten Jahre habe ich immer gesucht,
diese Gedanken niederzuhalten, habe gekämpft, die Bitterkeit zu überwinden - und
wie schwer war es doch oft! Besonders wenn es Frühling wurde, Frühling für
andere und sie es so selbstverständlich fanden, glücklich zu sein - und man
selbst war so allein, wie eine Art Zufallserscheinung, für die sich kein Platz
findet im weiten Weltenplane. Wir finden uns ja leicht ab mit der großen
Verschwendung, die in jeder Sekunde die Natur mit Millionen treibt, die alle des
Daseins Möglichkeiten in sich trugen und doch ungelebt zurückschwinden müssen in
das Unbekannte, aus dem sie hoffend aufgestiegen. Denn nichts lernt unsere
Weisheit leichter einsehen, als die Unabänderlichkeit der Leiden anderer. -
Aber, wenn es uns selbst trifft, wenn die Unabänderlichkeit gerade uns fasst,
alles das in uns knickt, was werden möchte, wenn jeder
