 dass Ta, da er Tatare
und Bannermann sei, eigentlich gar nicht außerhalb eines bestimmten Umkreises
von Peking hinaus gedurft hätte. Es sei schon mehrmals nach ihm gefragt worden,
sie hätten sich bisher immer herausgeredet, die Frager auch mit kleinen
Geschenken beruhigt. Aber jetzt fingen Leute, die ihnen übel wollten, an, von
Tas Abwesenheit zu reden; um deren Schweigen zu erkaufen, gehörten Summen, die
sie nicht aufzubringen imstande seien. Würden sie aber denunziert, so würden sie
eingekerkert, gemartert und um alles gebracht werden. Besonders in jetziger
Zeit, wo sich Christen still verhalten und suchen müssten, möglichst unbemerkt
zu bleiben.
    »Und halten Sie die ganze Geschichte für wahr?« fragte ich den Provikar.
    »O ja,« antwortete er. »Es ist alles daran so echt chinesisch. Nirgends wie
in China hat jeder einzelne so viel Feinde, d.h. Leute, die auf ihn drücken, die
etwas Schlimmes, das sie über ihn wissen, ausnutzen, um ihn zu schröpfen. Es ist
das Land der Denunziationen, der Erpressungen. Ein jeder hat da Angst vor einem
Anderen Mächtigeren. Das geht durch alle Schichten. Geheime Gesellschaften,
große Spionagesysteme ziehen sich wie Netze durch das ganze Land. Jetzt hat
eine besondere Agitation gegen Christen begonnen, gegen alle, die mit den
Fremden in Zusammenhang stehen. Als Vorspiel vielleicht für größere
Begebenheiten. Mich erinnert es alles sehr an die Zeiten vor den Tientsiner
Fremdenmetzeleien im Jahre 1870.«
    »Was raten Sie mir aber wegen Ta zu tun?«
    »Ich fürchte, Sie müssen sich entschließen, ihn nach Hause zu schicken. Er
wird aus der Angst um seine Mutter nicht mehr herauskommen und sich nicht mehr
beruhigen lassen, denn er hat offenbar das Gefühl, dass es seine Pflicht ist, zu
ihr zurückzukehren. Wie sehr der Chinese seine Eltern verehrt, brauche ich Ihnen
nicht erst zu sagen - das steht sogar in den oberflächlichsten Reisebüchern. Ich
habe durch jahrelange Erfahrung freilich meine Zweifel bekommen, ob die
Verehrung an sich wirklich eine so sehr große ist; aber jeder Chinese wird den
Schein wahren wollen, als sei er ein vortrefflicher Sohn, und wird dafür sogar
große Opfer bringen. Ta geht offenbar sehr ungern von Ihnen fort, er sagt, wenn
er keine Mutter hätte, schnitte er sich den Zopf ab und bliebe immer bei Ihnen,
und mehr kann kein Chinese sagen; aber er ist fest entschlossen, zurückzukehren.
Sie hängen nun einmal alle so merkwürdig an gewissen Dingen, die ihnen zum
Anstand als notwendig erscheinen. Ich habe chinesische Diener gekannt, die
ungerechte, harte Herren durch Blattern- oder Typhuserkrankungen aufs treueste
gepflegt haben - nicht etwa Gefühls und Mitleids halber, sondern des äußern
