Nein, wissen Sie, Gribojedoff oder
Baschmakoff - das bleibt sich nun schon gleich. Ja, wenn Sie Washington, Lincoln
oder meinethalben auch nur Brown oder Smit hießen, hätte ich's mir überlegen
können - aber so!«
    Und beide, der alte Herr und das alte Fräulein, lachten über diese Neckerei,
die immer wieder aufgefrischt wird, wenn Herr Baschmakoff alljährlich aus
Archangel nach New York kommt, um seine Jugendliebe im Lande ihrer Wahl zu
besuchen.
    »Die Philippinen machen mir viel Sorge«, erzählte uns die russische
Amerikanerin, indem sie auf eine neben ihr liegende Zeitung wies, »es ist
offenbar notwendig, dass neue Truppen hingeschickt werden. Ich hoffe nur, dass
das State Departement zu äußerster Energie in der Bekämpfung der Rebellen
entschlossen ist. Sicherlich müssen fremde Intrigen und Aufwiegelungen
derjenigen dahinter stecken, denen es ein Greuel ist, dass wir in dem
geknechteten Orient Fuß fassen, sonst hätte jenes arme, umnachtete Volk doch
längst eingesehen, dass wir ihm das Licht der Freiheit bringen.«
    »Vielleicht werden Ihre westlichen Metoden im fernen Osten nicht so recht
gewürdigt und verstanden, liebe Tatiana Feodorowna, vielleicht passen sie auch
nicht so recht dorthin«, warf Herr Baschmakoff schüchtern ein.
    »Die Wahrheit und das Recht passen überall, aber Ihr Russen denkt immer,
dass Ihr allein den Osten versteht. Ich gebe Euch ja gern zu, dass Ihr jenen
Völkern näher steht als wir, aber warum sollen sie erst noch auf dem weiten
Umweg über Knute, Sibirien und Ortodoxie zu endlicher Freiheit und wahrem
Glauben geführt werden?«
    »Was ist denn der wahre Glaube?« fragte Madame Baltykoff.
    »Der wahre Glaube?« Miss Tatiana stockte einen Augenblick und antwortete
dann rasch entschlossen: »Der wahre Glaube ist, was man in den Vereinigten
Staaten glaubt.«
    »So so«, sagte Madame Baltykoff und fuhr dann nachdenklich fort, als sinne
sie über ein schweres Rechenexempel nach, »Metodisten und Baptisten,
Kongregationalisten und Christian Scientists, vereinigte Brüder und Jünger
Christi, Heilige der letzten Tage, Quäker und Shaker - und gar die Mormonen -
die haben also alle den wahren Glauben?«
    Miss Tatiana unterhielt uns noch längere Zeit mit der erregten Diskussion
verschiedener politischer Fragen. Der geduldige Baschmakoff bekam noch viel
Schlimmes über Russland von ihr zu hören und sie gab ihm zu verstehen, dass, wer
nicht angelsächsischer Abstammung ist, nur schlaue Berechnung und Eigennutz zu
Motiven seiner Handlungen haben könne.
    Wenn Madame Baltykoff mir zuweilen als wandelndes Fragezeichen erscheint, so
habe ich in Miss Tatiana eine lebende Assertion kennen gelernt. Sie erinnert
mich an eine pommersche Gutsbesitzerin, die ich vor Jahren gegen direkte Steuern
eifern hörte; in meiner damaligen Jugend und Unwissenheit fragte ich sie
