 reisenden Japaner hätte vor Jahren einmal das kleine japanische
Schulkind sein können, von dem erzählt wird, dass man es nach einem starken
Erdbeben zwischen den Trümmern des Hauses fand, wie es auf einen herabgefallenen
Ziegel die Zahlen des letzten ihm aufgegebenen Rechenexempels eifrig weiter
schrieb.
    Auf unserem Schiff waren auch ein paar russische Reisende, sowie englische
und belgische Ingenieure, die aus Peking zurückkamen. Sie hatten sich dort um
Konzessionen für Eisenbahnen beworben, die möglicherweise erst in Jahrzehnten,
vielleicht auch nie gebaut werden dürften. Ich erinnere mich sehr gut, wie Sie
mir oftmals sagten, gerade dies Drängen um Eisenbahnen erbittere die Chinesen
besonders. Und dabei waren die meisten dieser nur mit Drohungen errungenen
Zugeständnisse für lange hinaus ganz zwecklos, und wurden nur verlangt, um
etwaigen anderen Bewerbern zuvorzukommen. Man prahlte in Peking mit den
erlangten Konzessionen, wie die Indianer mit erbeuteten Skalps. Nirgends habe
ich so sehr die Empfindung unendlichen Raumes gehabt, wie gerade in China, und
doch schien es nirgends so sehr wie in Peking, als ob die weite Welt für die
Ansprüche der Menschen nicht ausreichte. Der Kampf wurde dort mit jener
neidischen Eifersucht geführt, die ein Gebiet lieber wüst und leer sieht, als
dass sie es fremden Händen überliesse. Der Schwächere wird, so reich und
ausgedehnt die Welt auch ist, stets leer ausgehen, denn die Gier der Starken ist
größer als der größte Raum.
    Auf dem Schiff hörte man endlose Debatten über die Zukunft Chinas, über
»offene Tür« und »Interessensphären«, über Aufteilung und die Ansprüche der
einzelnen Länder. Was aber in Pekinger Kreisen nur leicht angedeutet wurde, das
sprachen diese Reisenden mit brutaler Offenheit aus. Man sah sich da plötzlich
der bête humaine gegenüber, wie sie wirklich ist: stets erscheint ihr der eigene
Anteil zu klein, der des anderen zu groß. Mit harmloser Naivität wurde da
enthüllt, was jedes einzelnen Herzenswunsch war: für sich selbst abgeschlossene
und möglichst große Interessensphären, bei dem Nachbar dagegen ein möglichst
offenes Scheunentor. Mich stimmten diese Debatten oft unendlich traurig, denn
sie eröffneten für die Zukunft weite hässliche Aussichten auf Kampf und
Unterdrückung. Es waren ja nur einzelne Leute, die da redeten, zumeist
einflusslose, unbedeutende Menschen, aber aus ihren Worten konnte man doch auf
den allgemeinen Geist der Zeit schließen, mit seiner Skrupellosigkeit, seiner
Abhängigkeit vom Erfolg, seiner Grausamkeit gegen alles auf Erden, was sich
nicht wehren kann. Die beiden Japaner hörten dem allen zu, und wenn sie auch
selbst wenig sagten, so merkte man ihnen doch an, dass für sie Buddha und seine
Lehren in ebenso weiter vergessener Ferne liegen, wie für die anderen Christus
und sein Wort, und dass auch sie sich den europäisch-amerikanischen Grundsatz zu
eigen
