 Oder wie eine arme, kleine, vertriebene Königin, der niemand anmerkt,
dass sie einst ein güldenes Krönchen trug! Wenn ich mich in dem Strassengewühl
durchdränge, wo keiner mich kennt, und mir sage, dass, wenn ich tot umfiele, ich
in eine kalte, graue Morgue gebracht würde, und niemand wüsste, wer ich bin, da
sehne ich mich oft nach der Stadt, wo jeder mich kannte, wo alle am Bahnhof
standen, als ich abreiste, und mir nachwinkten.
    Das Bewustsein der eigenen Kleinheit und Belanglosigkeit lastet auf uns
modernen Menschen allen wie ein schweres Gewicht. Wir leiden unter der eigenen
Winzigkeit, unter den engen Grenzen unseres Wissens und Lebens, seitdem uns die
Endlosigkeit von Raum und Zeit gelehrt ward. Leute früherer Epochen kannten
diesen Gegensatz zwischen menschlicher Kleinheit und Weltenunendlichkeit nicht;
sie müssen zufriedener gewesen sein, weil sie sich selbst im richtigen Maßstab
zu allem übrigen vorkamen. Diese Menschen, die in alten Häusern mit hohen
Giebeln wohnten, und auch noch heute die Leute, die in ganz kleinen Zentren
leben, wo jeder jeden kennt und der Glaube an die eigene Wichtigkeit nie getrübt
wird, scheinen mir beneidenswerte Wesen; denn es gibt ja nichts
Befriedigenderes, als an sich glauben zu können. In solchen kleinen Gemeinden
floriert dann auch diese höchste Blüte der eigenen Wichtigkeitsüberzeugung - der
Glaube an ein persönliches Fortbestehen. Es scheint doch ganz unmöglich, dass
Herr A, mit dem man alle Samstag seit dreißig Jahren gekegelt hat, Frau B, mit
der man schon auf der Schule in Rivalität lebte, plötzlich ganz ausgewischt, wie
nie gewesen, sein sollen. Das kann solch bedeutenden Persönlichkeiten nimmer
widerfahren! Sie sind zeitweise unsichtbar, auf der großen Reise begriffen, die
alle mal antreten - aber nachher wird man sich wieder finden, ganz
selbstverständlich. - Wer aber von den Wellen an zahllose fremde Küsten
verschlagen worden ist und gesehen hat, dass überall und seit unendlichen Zeiten
Millionen und Millionen geboren und begraben werden, ohne dass ihr Kommen und
Gehen mehr Bedeutung hätte als Mückenschwärme, die einen Augenblick durch die
Sonnenstrahlen schweben, der verliert den Glauben an die Wichtigkeit der
Erscheinungen und an die innere Notwendigkeit der ewigen Fortdauer all dieser
ganz gleichgültigen ameisenartigen Existenzen, die in individuell kaum
unterscheidbaren Wiederholungen immer aufs neue entstehen und vergehen. Wenn
einem dann die Erkenntnis aufgeht, dass man selbst auch nur in die Schar der
menschlichen Eintagsfliegen gehört, dann sehnt man sich nach denen, die durch
Freundschaft und liebevolle Pflege uns zeitweise die Illusion gegeben, als sei
man eigentlich doch eine recht wichtige kleine Fliege, deren Wohl und Wehe für
ein anderes Wesen die allergrösste Bedeutung hat.
    Und weil ich das alles heute so sehr empfinde, hier in der Fremde, wo es
jedem offenbar
