 der Gnade
des anderen und stellte dann das Gleichgewicht wieder her, indem man selbst mit
neuen Forderungen kam.
    Ich habe nirgends so sehr wie in Peking den Erfolg verachten gelernt, weil
ich einmal ganz aus der Nähe gesehen habe, womit er erreicht wurde, von den
einen durch Bestechung, von den anderen durch Drohen mit roher Gewalt. Die armen
Chinesen sind nun einmal gegen Geld und Kanonen, innerlich und äußerlich,
widerstandslos. Setzen sie sich aber einmal zur Wehr, so steckt immer eine
andere Macht dahinter, die eben mehr bestochen, oder mehr gedroht hat, von der
mehr zu gewinnen oder mehr zu fürchten war. Ich erinnere mich sehr gut, wie Ihr
Freund Li Hung Tschang sich ein paarmal fremden Forderungen widersetzte und auch
wirklich nicht nachgab. Das war eben, weil hinter ihm eine andere fremde Macht
stand, vor der er noch mehr Angst hatte als vor den Fordernden. Und die ganze
europäische Erbärmlichkeit kam dann zutage, indem man wohl über Li Hung Tschang
herfiel, die fremde Macht aber unerwähnt ließ - weil man vor der eben selbst
auch Furcht hatte.
    Die Pekinger Luft hat nun einmal einen ganz besonderen Einfluss auf die
weißen Männer: entweder sie werden dort chinesischer als die Chinesen und zu
leidenschaftlichen Freunden und Verteidigern Chinas, wie die meisten
Dolmetscher, Zollbeamten und Diplomaten der alten Schule, oder, und das sind die
Jüngeren, sie werden von einem Taumel des Übermenschtums erfasst, der in einer
grenzenlosen Verachtung alles Chinesischen wurzelt. Sie predigen, man solle
zugreifen, sich nehmen, was man brauche, einzig das tun, was die eigene
Herrenmoral fordere, denn so allein könnten Nationen und einzelne groß werden.
Der Kern der Sache ist, sie trachten danach, einem anderen unrechtmässigerweise
etwas fortzunehmen. Dazu werden die großen Worte »Patriotismus, Expansion, neue
Absatzgebiete, Stützpunkte« ausgekramt - und dazu drapieren sich ganz harmlose
Bureaukratenseelen als Cesar Borgias, als Schüler Macchiavellis und Nietzsches.
Aber das Herrentum lässt sich nur improvisieren, so lange man ausschließlich
mit Chinesen zu tun hat; wird die Lage ernster, stehen hinter dem Chinesen
Mächtigere, dann tritt eine sehr unherrenmässige Nervosität an die Stelle der
Kraftmenschpose. - Trotz allem, was darüber gesagt wird, sind wir eben keine
Generation der Übermenschen. Wir sind Zweifler, Spötter, Unzufriedene - zum
Übermenschtum fehlt uns das Zeug. Dazu müssten wir vor allem an uns selbst
glauben - und wer tut das heute noch? - Sind wir ehrlich, so haben wir uns doch
alle als armselige Blechgötzen erkannt - vielleicht imponieren wir noch den
Wilden, uns selbst aber doch sicherlich nicht.
 
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                                                 Im Eisenbahnzuge, Oktober 1899.
Lieber Freund, wir haben das reizende Banff verlassen. Die Bergketten, die
tiefen grünen Wälder liegen längst
