 jener fernen Stadt verlebt, wo alles so unendlich fremd war
und sich mir das Herz oft zusammenzog in beklemmender Angst, wie vor
unheimlichem, unabwendbarem Schicksal?
    Es ist so schön, wieder etwas schön finden zu können, plötzlich zu fühlen,
dass die Jugend und die Begeisterungsfähigkeit nur schlummerten, dass sie aber
noch da sind und bloß warteten, wieder aufleben zu dürfen. Es ist so schön,
lieber Freund, sich noch einmal freuen zu können - ohne besonderen Wunsch, ohne
irgend welche eigennützigen Gedanken, die ganz eigene, harmonische Freude zu
empfinden, die die Natur in uns erweckt, die klärt und beruhigt, und durch die
das Sorgen, Fürchten und Trauern für ein Weilchen wie in fernem Nebel
verschwimmen. In solchen Augenblicken kommt es uns zum Bewusstsein, dass wir
selbst eben auch ein Stückchen Natur sind, trotz alles Künstlichen und
Gequälten, das uns die Erbschaft von Hunderten von Generationen auferlegt hat,
und für einen kurzen Augenblick scheint es uns möglich, zu werden, wie die
Lilien auf dem Felde. - Für eine kleine Spanne Zeit vermag das Schöne uns von
der Last des Erlebten, des Gewollten, des nie Erreichten zu befreien. Wir atmen
einmal frei auf, möchten vergessen und verweilen - aber schon müssen wir wieder
hinein in die Mühe und die Qual, die uns Leben sind. -
    Doch auch für die kurze Rast sei diesen Wäldern Dank!
 
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                                                          Banff, September 1899.
In der hiesigen Waldesstille, die so beruhigend auf uns Weitgewanderte wirkt,
denke ich oft staunend an das Hasten und Ringen zurück, in dem wir in Peking
gelebt haben. Dort schien Streben und Kämpfen, andere verdrängen und sich selbst
einen Platz erobern der einzige Zweck des Daseins zu sein. Ich glaube, dass Sie,
lieber Freund, verstehen werden, welche Erquickung dieser weltabgeschiedene
Frieden mir gewährt. Denn oft, wenn ich Sie in Peking reden hörte, hatte ich die
Empfindung, dass Sie das ganze dortige Treiben und Drängen wie von einer Höhe
aus betrachteten, zu der all die kleinlichen Motive nicht heranreichten, dass
Sie mit Ihren Gedanken in einer Stadt lebten, die allem Niedrigen wirklich eine
»verbotene« war.
    Sie dachten und fühlten ja sogar für die Chinesen, deren Wünsche und
Anschauungen allen anderen als eine quantité négligeable erschienen, und die nur
dazu da waren, um mit Gewalt in sogenannte Fortschritte getrieben zu werden, die
dafür gestraft wurden, dass sie sich von dem einen hatten berauben lassen, indem
der andere sie noch mehr beraubte. Ein jeder stachelte die Chinesen dazu an,
gegen die Forderungen des anderen scharf aufzutreten und ihm nichts
zuzugestehen, aber im entscheidenden Moment ließ man die Chinesen stets im
Stich, es wurde ihnen nie wirklich geholfen, sondern man überließ sie
