 heißt überhaupt frei werden. Hier ist
Entwickelung. Neue Generation soll freier werden, als alte war; zeigen Sie der
Jugend, wie man an sich selber für seine Freiheit arbeiten kann! Geben Sie der
Jugend eine Begeisterung, die sie mitreisst und sie lehrt, was ist der Zweck und
Bedeutung von unserem ganzen menschlichen Leben!«
    Hovannessian erhob den Kopf, dann suchten seine Augen den Gymnasiasten und
hefteten sich fest auf das jetzt tief errötete Gesicht des Jünglings, der den
Blick schwärmerisch zurückgab.
    »Der Vorsitzender Ihres Bundes,« sagte er, »wenn Sie einen haben müssen -
wir in Russland haben keinen - Ihr Vorsitzer muss einer von Ihnen selbst sein. Sie
müssen das zwischen sich ganz allein machen.« Und mit seinem ernstaften,
brüderlichen Lachen fügte er hinzu: »Scheint es mir, dass Sie sehr guter
Vorsitzer werden in Ihrer Gesellschaft.«
    Der Gymnasiast schnellte vom Platz auf. Sein blasses Gesicht war
rotüberstrahlt, und er bebte vor freudiger Überraschung und Beschämung. »Darf
ich einmal zu Ihnen kommen?« stammelte er.
    Hovannessian ging sofort zu dem Knaben hinüber und verabredete mit ihm. Der
Gymnasiast sah zu ihm auf mit einem blinden, ergebenen Vertrauen, das ihn in
Josefines Augen schön machte.
    Er hat den Blick für das Gute im Menschen, und sein Blick erweckt es, fühlte
sie, und eine glühende Bewunderung für den Fremden überwallte sie. Ihr Gesicht
wurde so heiß, dass sie sich abwenden musste; sie fürchtete, ihre Empfindung stehe
auf ihren Lippen geschrieben, jeder könne sie ablesen.
    »Denke ich, wir werden dort bei Ihnen, in Ihrer Gesellschaft, von Zeit zu
Zeit zu Gaste sein,« sagte Hovannessian, »medizinisch - statistisch und so
weiter. Aber Hauptsache werden Gymnasiasten unter sich machen. Wie denken Sie?«
    Die Versammlung diskutierte noch eine Weile.
    Fräulein Begas war nicht einverstanden. »Vielleicht kommt gar nichts heraus;
wenn alle nichts wissen, alle auf gleichem Niveau stehen - wer soll dann die
Führung übernehmen?«
    »Sieht man deutlich, dass Sie sind eine Monarchistin!« spöttelte Bernstein,
»immer Führung, Präsident, König, ech!«
    Helene drohte mit dem Finger. »Na, und Sie? haben Sie keinen Zar? Nur nicht
mausig machen!«
    »Selber ziemlich mauseriges Fräulein! Sehr mauserig.«
    »Nicht Schule! Gruppe zur Selbstbildung wollen Sie machen,« beharrte
Hovannessian. »Führung ist in Literatur zu finden. Beste Ideen der besten Denker
zusammen kennen lernen, nicht Präsident, nicht Schulmeister!«
    »Anarchismus!« machte Helene halb scherzend, halb prüfend.
    Der Fremde richtete sich auf, wie wenn er gerufen worden. Seine großen,
weitgeöffneten, dunklen Augen
