. Sie schilderte das Elend in
Trinkerfamilien mit Hilfe einer großen Reihe von Zahlen.
    Der Gymnasiast konnte fast nicht nachkommen. Er hatte ein blasses Gesicht
mit einer großen Nase und einem keimenden Backenbart. Im Eifer des Schreibens
erschien zwischen seinen vollen roten Lippen die Zunge und begleitete die
Bewegungen der Hand. Die Kinder unter dem Schreibtisch ahmten es erst
unwillkürlich und dann absichtlich nach. Hovannessian nickte ihnen zu und
forderte sie pantomimisch auf, in seine Rocktasche zu steigen.
    Und dann, als das Fräulein gelesen hatte, sprach Hovannessian.
    »Geben Sie der Jugend eine Begeisterung,« sagte er, »etwas, wofür sie
kämpfen soll, eine Idee; begeistern Sie die jungen Leute, das ist, glaube ich,
die Hauptsache.« Er war aufgestanden und sprach, hinter seinem Stuhl stehend. Es
war ein krauses Deutsch, aber ganz leicht und natürlich kam es über seine
Lippen, und in seinen träumerischen Augen glomm eine freudige Flamme auf.
»Begeisterung! jedes Lebensalter hat seine Begeisterung! Als wir Kinder waren,
bauten wir unseres Schifflein aus Papier und setzten es auf den Bach. Aber das
Bach war für uns ein Meer. Und der kleine Sommerwind, der in das Papiersegel
blies, war ein Sturm. Und das Schifflein segelte fort in ferne Ländern. Es hatte
reiche Fracht: unsere Gedanken - kindische Gedanken - unsere Träume und Wünsche
- kindische Träume und Wünsche. Aber wie teuer! wie lieb!«
    Der blasse Gymnasiast mit der großen Nase saß ganz aufrecht. Er hatte nichts
zu schreiben jetzt. Der sorgenvolle, eifrige Geschäftsausdruck war aus seinen
Zügen verschwunden, sie wurden rein, gläubig, so als höre er einen schönen,
fernen Gesang.
    Hovannessian fuhr fort: »Physiologie und Statistik ist gut, gewiss, aber für
die Jugend ist eine Begeisterung besser als Physiologie und Statistik. Die
kleinen Papierschiffen schwimmen nicht mehr, wir haben eingesehen, dass sie das
ferne Ufer nicht erreichen. Aber nun schicken wir die Gedanken selber aus, die
Träume selber aus. Wohin sollen sie fliegen? Eine Sonne brauchen sie, ein
leuchtendes Ziel, ein Ideal, das immer leuchtet und immer leuchtet und unsere
Gedanken, unsere Augen, ganzes Wesen, ganzes Leben zu sich reißt. Wir haben so
getan und tun noch so in Russland. Russische Jugend lebt mit Ideen. - Sie wollen
arbeiten für Abstinenz von Alkohol unter der Jugend. Es ist sehr gut. Aber
bleiben Sie nicht bei medizinisch - physiologisch - statistisch! Zeigen Sie, dass
hier ist eine Idee, eine Idee von Vervollkommnung. Geben Sie eine Begeisterung
für Idee der fortschreitenden Entwickelung. Wer sich frei hält vom Gebrauch des
Alkohols, hält sich frei von einem schädlichen Bedürfnis. Frei werden von
schädlichen Bedürfnissen - das
