 Leben.
    Auch die Arbeit versagte.
    Josefine hatte arbeiten wollen, weil sie in der Arbeit Betäubung suchte.
Aber mitten in der Betäubung durch die Arbeit war in ihr durch die Berührung mit
dem leidenden, blutenden Leben ein höherer Sinn und ein höherer Anspruch
erwacht.
    Jetzt wollte sie arbeiten um des Nutzens willen, den ihre Arbeit den
Menschen bringen sollte, und nun verzweifelte sie, dass ein solcher Nutzen
aufzufinden sei.
    Sie fühlte sich einsam und ohne Zusammenhang mit den Menschen, wie ein
Sandkorn unter einem Berg von Sand.
    Das ist die einzige Anarchie, die vernichtet, dachte sie verzweiflungsvoll,
unsere heutige Ordnung, wo keiner sich um den anderen kümmert! Wir studieren!
studieren! studieren! Aber nachher halten wir uns absichtlich die Augen zu, um
uns nur ja auf das zu beschränken, was unseres Amtes ist. Und jeder hat ein Amt,
und jeder hat eine Spezialität, und von Amt zu Amt und von Spezialität zu
Spezialität gibt es keine Verständigung. Und Amt und Spezialität haben den
Menschen aufgefressen. Und nirgends ist eine Stelle, wo alle menschlichen
Tätigkeiten zusammenmündeten!
 
                                  Drittes Buch
»Wer war der Mann, der eben von Ihnen wegging?«
    Bernstein hockte vor seinem Ofen, hatte alles herausgeworfen und hielt den
Rost zwischen den geschwärzten Fingern. Mit hinaufgezogenen Augen und
halboffenem Munde sah er sich nach der Fragerin um.
    Josefine stand da, als ob sie mit der Tür hereinfallen wolle: die Arme weit
geöffnet, eine Hand am Rahmen, die andere am Drücker. Ein leichter Zug sträubte
ihr lockeres dunkelbraunes Haar an den Schläfen auf und machte die Papiere auf
Bernsteins Schreibtisch zittern.
    Der Hockende zog seine langen Beine unter sich; die schmalen knochigen
Schultern schoben sich gegen die Ohren hinauf; ihn fror in dem schwarzen
russischen Hemd aus leichter Wolle. »Ech!« grämelte er, »kommen Sie - extra -
deshalb - zu - mir - herein? Das - ist - sonderbar!«
    »Warum sonderbar?« Die blasse Frau mit den hochgeschwungenen Brauen sah
starr und gespannt auf den Kollegen und Hausgenossen zu ihren Füßen. »Warum
sonderbar?« wiederholte sie und schien kaum zu wissen, was sie sagte.
    Bernstein blinzelte verwundert mit den hellgrauen gutmütigen Augen.
»Erstesmal höre ich von Ihnen: wer ist dieser Mann!«
    Eine leise Verwirrung kam in Josefines starres Gesicht. »Kann ich nicht
fragen?«
    »Nein!« brummte Bernstein, in den Kohlen wühlend, »erstesmal höre ich von
Ihnen so eine neugierige Frage.«
    »Ich habe keine Zeit,« machte Josefine, und ihr Fuß begann nervös auf dem
Boden zu arbeiten, »ich muss fort.«
    »Ech! es ist kalt, machen Sie die Tür zu
