...
    Und sie stützte den Kopf und schloss die Augen, und es war ihr wie einer
ruhmlos Überwundenen.
In diese Schwüle flog wie ein Bote himmlischer Erquickung ein von fremder Hand
mit blauem Tintenstift geschriebener Brief.
    Er lautete so:
                                           Dorf Glatt, Ct. Zürich. 3. 3. 199 ...
Verehrte Frau!
    Obwohl ich Sie nie gesehen, bewahre ich doch ein so deutliches Bild von
Ihnen in der Seele, dass ich in einer schwierigen und furchtbaren Angelegenheit
mich an Sie wende, als an die einzige, die helfen kann.
    Ich habe ein großes Vertrauen zu Ihnen; Ihre Bemühungen um die unschuldig
gekränkte Kindheit sind mir wohlbekannt, und mit innigem Anteil und herzlicher
Dankbarkeit bin ich Ihren Bestrebungen seit Jahren gefolgt. Ja, es kann nicht
übel stehen um die Welt, solange »gute Kräfte sinnvoll walten« wie in Ihnen,
verehrte Frau! Oft schöpfe ich Freudigkeit aus dem Gedanken an Sie, die Sie kein
Verzagen, kein Ermatten kennen.
    Die Angelegenheit, in der ich Ihre gütige Hilfe heische, verlangt
persönliche Besprechung. Leider, leider kann ich zu Ihnen nicht kommen, das ist
mir nicht vergönnt. Werden Sie die Güte haben und zu mir kommen? Ich bitte Sie
darum im Namen der Menschlichkeit, der Sie dienen, im Namen der unschuldig
gekränkten Kindlein, deren Recht Sie verkündigen.
    Nur Sie können helfen, nur auf Sie hab ich meine Hoffnung gesetzt. Es wird
Ihnen Zeit kosten, aber da Sie retten sollen, wird es Ihnen um die Zeit nicht
leid sein, wie ich Sie kenne. Unser Dorf liegt vier Stationen von Zürich weg,
kommen Sie, wann Sie können, ohne Anmeldung. Fragen Sie nur nicht nach im Dorfe
- ich lege Ihnen eine Skizze des Weges bei, den Sie gehen müssen, um mein Haus
zu finden. Von der Kirche zum Brunnen links, dann über die Brücke, an der die
große Linde steht. Von da ist's nimmer weit, die Kiesgrube bleibt rechts, hinter
unseren Häusern beginnen gleich wieder die Felder.
    Ich erwarte Sie mit Sehnsucht und grüße Sie in Verehrung.
                                                             Ihr Rudolf Fischer.
Josefine hatte schon öfter Briefe ähnlichen Inhalts empfangen, sie kamen von
jenen unbekannten Freunden, die sie in ihren Vorträgen anrief, die sie überall
in der Welt verstreut wusste, und deren Dasein ihr Herz gewärmt und erhoben hatte
bis zu diesem letzten, schweren Erlebnis.
    In den Tagen dieses Kummers, in den Wochen dieser Niederlage, in den Monaten
dieser Verzweiflung hatte sie die unbekannten Freunde vergessen.
    Und nun meldeten sie sich wieder, meldeten sich durch diesen Brief des
Vertrauens und der Sympatie, riefen sie zu Hilfe, wandten sich an ihre Kraft.
    Wer ist Rudolf Fischer?
    Warum
