 mehr, blickten ihn hochmütig und
verächtlich an mit ihren Goldtiteln und stolzen Namen. Aber ihr waren sie
beredt, zu ihr sprachen sie verständnishoffend, - Verständnis findend.
    In seinem ehemaligen Wartezimmer saß Josy an seinem kleinen
Studentenschreibtisch, und den großen Schreibtisch, den er besessen, benutzte
nun Bernstein. Er begann Bernstein zu hassen wegen des Schreibtisches. Er konnte
seine Stimme nicht mehr hören. Wenn Josy mit dem Russen etwas Sachliches,
Wissenschaftliches sprach, so zitterte er vor Neid und Missgunst. Mit ihm sprach
sie nur Alltägliches, absichtlich, um ihn zu demütigen, so schien es ihm. Alles
geschah hier, um ihn zu demütigen. Das Messingschild an der Tür mit seinem Namen
darauf hing dort, um ihn zu verspotten; »die Etikette ist geblieben, das seltene
Präparat aber ist fort.« Sein altes Wartezimmer hieß nur deshalb noch
Wartezimmer, weil Josy bald approbierter Arzt sein würde. Josy würde Arzt sein,
in seinem ehemaligen Warteraum würden Josys Patientinnen sitzen und auf sie
warten, während er in irgend einem Hinterzimmer an der Drehbank bastelte.
Verwünschtes Leben! Als ein Lebendigtoter saß der Unglückliche da, als ein
nackter Beerbter, der, aus dem Grabe zurückgekehrt, seinen Platz ausgefüllt,
seine Kisten und Kasten ausgeleert findet. Der Mann, der von der Natur dazu
bestimmte Platzergreifer, Inbesitznehmer war verdrängt und ohnmächtig gemacht
durch das Weib, durch die von der Natur dazu bestimmte Untergebene,
Untergeordnete, durch den Menschen zweiter Sorte, und aus den Händen dieses auf
den Thron gelangten Sklaven sollte der rechtmäßige, enttronte Herrscher sogar
das Leben, das Brot, das ihn ernährte, empfangen!
    Dumpfe Verwunderung, verbissene Wut mischte sich in die qualvolle Ohnmacht
des Verschmähten. Er entwarf Pläne zur Überlistung der gefährlich starken und
unangreifbar gut stehenden Gegnerin; er meinte, sie sei nur deshalb so stark und
selbständig geworden, weil sie sich der Unterjochung durch die Liebe entzogen
habe. Er nahm den Begriff der Liebe so niedrig wie möglich und redete sich ein,
wenn er sie unter diese Liebe zwänge, dann würde sie so schwach werden wie er
selbst. Er lechzte danach, sie schwach zu sehen. Das natürliche Gleichgewicht
der Geschlechter schien ihm gestört durch diese starke Frau, die er als zartes,
nachgiebiges, liebevolles Mädchen kennen gelernt, die er zu heftiger, aber
kurzer Leidenschaft entflammt, die er demütig und ergeben das Frauenlos an
seiner Seite tragen gesehen, die er durch sein Verbrechen mit bürgerlicher
Schande bedeckt, die er bei seiner Verurteilung als weinendes, zerbrochenes,
unglückliches Weib zurückgelassen, und die sich während dieser Jahre langsamen
Absterbens für ihn so unerwartet verwandelt, so neu und eigenartig entwickelt
hatte. In den ersten Zeiten, als er sie für gefühllos hielt, tröstete er sich
damit
