, wie ich es in meiner Jugend mit
Tante Marie zu tun pflegte, wenn sie das Thema »Bestimmung« zu variieren begann.
Die Kousine hätte mich doch nicht verstanden, wenn ich ihr hätte auseinander
setzen wollen, dass es das gleiche Streben nach Seligkeit, nach Erlösung, nach
dem »Heil« ist, was diejenigen erfüllt, die für Ideen, Erfindungen, Bewegungen
sich erwärmen, von denen sie das Paradies schon diesseits erhoffen, oder doch
wenigstens die Überwindung des Jammers, der - auch schon hienieden - eine Hölle
schafft. Das ist doch nicht minder »Relichion«.
    Ach, dass ein und dasselbe Wort oft so verschiedene Dinge bedeutet! Das macht
die Verständigung so schwer; das ist daran schuld, dass einer dem anderen so oft
unrecht tut. Religion heißt auch das: inbrünstig die Verpflichtung fühlen, für
das Gute, das Rechtschaffene, das Heilige einzustehen. Sich mit der Seele
anklammern an alles, was von ewiger Schönheit, von lichter Klarheit, von
ehrfurchtgebietender Größe erfüllt ist. Und das Gegenteil von alledem, das
Hässliche, Finstere, Niedrige - vor allem das Grausame - bekämpfen, wo nur immer
möglich. Wenn man noch dazu durch Wort und Eid gebunden ist (habe ich nicht
geschworen, Friedrichs Aufgabe zu übernehmen?), da hat man doppelt religiös zu
sein, gerade so, wie ein vom Klostergelübde gebundener Gläubiger doppelt fromm
sein muss. Und so verfolge ich alle Phasen der Friedensbewegung und bleibe - mit
Rudolf und durch Rudolf mit allen Bekämpfern des Krieges in steter Berührung:
das ist meine Betschwesterschaft.
Die Post brachte mir heute diesen Brief:
                                                             »Berlin, 12. 1. 92.
Ihr Name wird unter den Vertretern einer Bewegung genannt, die die Menschheit
nach oben, das Christentum seiner Erfüllung entgegenführen soll.
    Ich halte es für meine Pflicht, mich Ihnen respektvoll zu nahen und Sie zu
bitten, mich als einen derer anzusehen, die mit ganzer Kraft für die höchsten
Bestrebungen eintreten. Jede Faser meines Daseins gehört dem Aufbau eines
Reiches Gottes auf Erden, gehört dem Werden des Christentums. Es begreift dies
alle Bestrebungen guter Menschen.
    Ich bin durchglüht von Idealismus, bin aber kein Phantast - Sie haben es mit
einem Menschen zu tun. Unerschrocken, aber auch unbeirrt werde ich die Wege
weitergehen, die mir vorgezeichnet sind. Je umfassender unser Vorgehen ist,
desto wirksamer; je entschlossener, desto heilbringender; je gleichzeitiger auf
der ganzen Linie, desto durchgreifender der Erfolg.
    Jetzt also muss etwas werden. Ich lebe der festen Überzeugung (das Wort
Glaube wäre mir nicht genug hierfür), dass wir vor dem Tore stehen, das uns
ebensowohl davon trennt, wie uns einführt in das Zeitalter der Vervollkommnung.
Die Klinke mit kraftvoller Hand zu
