 die andere Wagschale«, sagte ich erst gestern zu ihm, »all das
Lichte, Schöne, Gute, das auch vorhanden ist und das in immer steigendem Masse
sich entfaltet. Die Zukunft gehört der Güte, pflegte Tilling zu sagen ... und Du
hilfst ja mit, diese Zukunft herbeizuführen - ist Dir das nicht erhebende
Genugtuung?« Er schüttelte den Kopf: »Bis jetzt habe ich gar nichts geleistet -
ich komme aus der Phase des Vorbereitens zum Handeln ja garnicht heraus - ein
Schnitter, der immer nur die Sense schleift, ein Zeichner, der nicht aufhört,
Bleistifte zu spitzen ...«
    Er übertreibt, er hat schon gehandelt. Nur sind seine Handlungen an
äußerlichen Hindernissen, am passiven und aktiven Widerstand der anderen
abgeprallt. Da war seine Kandidatur ... sie wählten ihn nicht. Da war seine
Reise nach Berlin, seine Unterredung mit Bismarck ... der eiserne Kanzler hat
ihn abgewiesen, wie er den Abgeordneten Bühler und wie er den Prinzen von
Oldenburg abgewiesen hatte: »An Abrüstung dürfe man nicht denken, am
allerwenigsten in Deutschland, das gegen zwei Fronten en vedette zu bleiben
hobe.«
    Ich habe indessen meinem »Protokoll« doch wieder hoffnungsvolle Absätze
hinzugefügt. Ach, dass Friedrich das alles nicht erleben konnte! Sicher hätte er
sich den Friedensvereinen und -Kongressen angeschlossen. Das will nun Rudolf
nicht tun. Ich bleibe aber durch meine Korrespondenz mit den Gleichgesinnten
aller Länder stets in Berührung mit den militanten Trägern der Friedensidee, und
mein Protokoll spiegelt die Phasen der fortschreitenden, von der Mitwelt so sehr
verlachten oder ignorierten Bewegung wieder.
    Und da sehe ich, wie der Gedanke, dass das Gewaltsystem dem Rechtssystem
weichen müsse, wächst und wächst und in immer höhere Kreise dringt. »Die Wogen
müssen so hoch gehen,« sagte neulich Björnstjerne Björnson in einer Versammlung
im Freien, vor einer Zuhörerschaft von zehntausend Menschen, »die Wogen des
Friedensgedankens müssen so hoch gehen, dass sie bis in die ersten Stockwerke
spritzen.«
    Ob sie bis zu einem Tronsaal dringen? Die Leute behaupten, das sei
unmöglich, denn die Throne ruhen auf der bewaffneten Macht. Aber was »behaupten
die Leute« nicht alles?
    Zu den neuesten Eintragungen meines Protokolls gehören die Versammlungen in
Rom: die interparlamentarische Konferenz (mit bewundernswerter Energie
vorbereitet vom Kammermitglied B. Pandolfi) und der dritte Weltfriedenskongress.
Offizieller Empfang auf dem Kapitol. Die beiden Körperschaften haben
beschlossen, je ein Zentralbureau in Bern zu errichten. Der Gedanke nimmt immer
mehr Gestalt an; seine Vertreter organisieren sich. Das Umherflatternde ballt
sich zusammen und verdichtet sich. So entstehen Planeten und ebenso -
Institutionen.
    Kolnos, dem ich neulich mein Protokoll zeigte, sagte: »Sie tragen da
zusammen
